Politik

Die AfD Wähler und ihre Sorgen – Soll ich sie ernst nehmen?

Daumen runter. Die AfD kommt in den Bundestag. Müssen die übrigen Parteien nun endlich die Sorgen der AfD Wähler ernst nehmen?

Zwei Wochen sind jetzt also rum seit jenem verhängnisvollen Tag, an dem die AfD mehr als genug Stimmen erhalten hat, um in den Bundestag einzuziehen. So langsam löst sich meine Schockstarre. Mein kleiner Finger ist noch etwas steif und auch das Gehirnareal, das für die Unterscheidung von Albtraum und Realität zuständig ist, kribbelt noch als würde es nur langsam und zögerlich zurück ins Leben treten – unwillig, die Geschehnisse als Realität zu akzeptieren.

Ich denke, es ist Zeit, mich aus dem Schock herauszuschreiben. Ob wir es wollen oder nicht: Die mindestens rechtspopulistische, eher rechtsradikale Alternative für Deutschland werden wir wohl mindestens für die nächsten vier Jahre nicht los. Ihr wisst ja: Eva meint’s gut – und deshalb kann ich dazu nicht schweigen.

Meine Wunschpolitik und die Realität

Ich habe mich entschlossen, die Kategorie „Politik“ zu meinem Blog hinzuzufügen. Warum? Das Leben ist sowieso durch und durch politisch. Niemand kann sich dem entziehen. Wenn ich Essen wegschmeiße, ist das wohl oder übel ein privates politisches Statement gegen die Veränderung der Gesellschaft hin zu einer ökologischeren Lebensführung. Und wie auch immer ich mich mein Familienleben gestalte, ist neben einer persönlichen Entscheidung immer auch ein familienpolitisches Statement.

Das heißt: Ich äußere mich hier sowieso ständig politisch – selbst wenn ich ein paar Kilometer hinter meiner eigenen Wunschpolitik hinterher hinke.

Seit der Bundestagswahl 2017 haben wir eine besondere Situation in Deutschland. Zum ersten Mal seit dem Ende der Nazizeit zieht eine Partei mit rechtsextremem Gedankengut in den Bundestag ein. Dazu sollte niemand schweigen. Das darf nicht unkommentiert bleiben.

Ich habe mich gleich am Wahlabend gefragt, wie es nun für mich weitergehen soll. Reicht es noch, alle paar Jahre Kreuze in der Wahlkabine zu machen? Eher nicht. Mein erster Impuls war, der SPD beizutreten. Mir hat sehr gut gefallen, dass die Partei in die Opposition gehen will, um die Zeit der großen Koalition zu beenden. Und ich denke, die SPD kann Unterstützung im Moment gut gebrauchen.

Oder vielleicht doch lieber zu den Grünen? Aber würden die mich scheinheilige Weltverbesserin überhaupt nehmen?

Oder in gar keine Partei, sondern ehrenamtlich irgendwas für Flüchtlinge tun? Der örtliche Verein, der sich um so etwas kümmert, hat aber bereits 150 Mitglieder. Und ihr wisst ja, ich wohne in einem kleinen Ort. Brauchen die mich überhaupt noch?

AfD – was heißt hier ernst nehmen?

Da ich mich wie gesagt noch zum Teil in Schockstarre befinde, habe ich mich noch nicht entschließen können, was ich tun sollte. Da sich ja aber wie oben erwähnt bereits neun meiner zehn Finger außerhalb der Schockstarre befinden, kann ich zuerst einmal wenigstens meinen Senf zur Causa AfD hinzugeben.

Ich habe ein paar Gedanken loszuwerden zu dem ständigen Gefasel vom „ernst nehmen der Ängste und Sorgen der AfD Wähler“. Die meisten Wähler, so ist in den Analysen zu hören, haben die AfD aus Protest gewählt. Nun werden Politiker und Journalisten nicht müde zu betonen, dass man die Ängste, Sorgen, Befürchtungen – nennt es wie ihr wollt – der AfD Wähler endlich ernst nehmen müsse. Welche Ängste oder Sorgen das sind, wird im Normalfall nicht weiter vertieft. Was man mit „ernst meinen“ aussagen will, auch nicht.

Zuerst mal zu den Befürchtungen der AfD Wähler. Es gibt verschiedene Umfragen und Studien, die sich damit beschäftigen, wer sie eigentlich sind. Dabei kommen schemenhafte Bilder heraus. Mehr Männer als Frauen wählen die AfD, Arbeitslose sind genauso darunter wie Gutverdiener, Zuwanderung wird eher negativ bewertet, genauso wie die Zukunft Deutschlands und so weiter und so fort.

Die AfD Anhänger sind, so viel wird in den Studien und Umfragen deutlich, unterschiedlich. Es sind nicht nur die „Arbeitslosen, die „Abgehängten“, von denen immer wieder die Rede ist, sondern auch Gutverdiener. Was sie eint, ist ihre Ablehnung der Flüchtlingspolitik. Aber wovor genau haben sie Angst? Vor den Flüchtlingen selbst? Vor Überfremdung? Vor Menschen, die andere Religionen (vor allem den Islam) und neue Kulturen in ihr Land bringen? Oder ist die Wut über die Flüchtlingspolitik nur ein Symptom? Sorgen sich die Protestwähler um ihre Rente? Um ihren Lebensstandard? Ihre Arbeitsplätze?

In den letzten beiden Wochen wurde viel darüber geredet, so ganz zu fassen hat man die sogenannten Befürchtungen, Sorgen, Ängste meines Wissens nicht bekommen. Aber Hauptsache, man redet davon, sie ernst zu nehmen. Und da wären wir beim nächsten Problem der Floskel „Die Sorgen der AfD Wähler ernst nehmen“.

Tisch, Tisch, Tisch, Tisch

Was heißt eigentlich ernst nehmen? Kennt ihr das, wenn man ein Wort zigmal wiederholt und es dadurch irgendwann seinen Sinn verliert? Tisch, Tisch, Tisch, Tisch, Tisch, Tisch, Tisch, Tisch – und jetzt bitte noch fünfzigmal wiederholen. Ist es dadurch nicht verschwommen geworden? Fragt man sich nicht auf einmal, woher das Wort eigentlich kommt und was es wirklich bedeutet? Genau so ging es mir nach dem ständigen Wiederholen des Begriffs „ernst nehmen“.

Ich habe tatsächlich im Duden keinen Eintrag zu dieser Wortzusammensetzung gefunden. Immerhin ist das Adjektiv ernstzunehmend drin. Bedeutung: ernstlich, ernsthaft, schwerwiegend. Synonyme: einschneidend, schlimm, schwerwiegend, weitreichend.

Sehr sehr negativ, das alles. Nichts, was man so belassen sollte. Auf den ersten Blick erscheint „ernst nehmen“ ja als ein positives Verb. Wird da nicht jemand angehört? Wird ihm nicht Glauben geschenkt? Wird er nicht Teil eines Dialogs? Der zweite Blick sieht jedoch anders aus. Wann sagt man schon zu jemandem: Ich nehme dich ernst?! Im Normalfall, wenn eine Person ein Problem hat, nicht mehr weiter weiß, vielleicht sogar von anderen als lächerlich betrachtet wird.

Drastisch ausgedrückt: Wer sein Gegenüber ernst nimmt, will ihn zurück zum „Normalzustand“ bringen. Der ernst Nehmende steht dabei über dem ernst zu Nehmenden, kennt die Lösung des Problems, kann und will helfen. Vielleicht ein bisschen so wie bei einem Arzt-Patienten-Verhältnis.

Was also bedeutet ernst nehmen? Jemand soll angehört werden, es soll durch die Zuwendung ein neues Vertrauensverhältnis entstehen, damit die betroffene Person wieder zurück zur „Normalität“ kehrt. 

Das ist es ja auch, was nach der Forderung, die AfD Wähler ernst zu nehmen, immer wieder gesagt wird: „Wir müssen sie zurückholen“ und so weiter.

Puh. Also ich finde das alles extrem schwierig. Ich frage mich, ob es wirklich das ist, was Protestwähler wollen. Etwas Zuwendung? Und danach deckt sich ihre Vorstellung von „Zurück zur Normalität“ wieder mit – zum Beispiel – meiner?

Aber wie soll das gehen? Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit diesem Ausfall nach Rechts meine Probleme habe. Ich verstehe nicht, wie man seine Menschlichkeit über Bord werfen kann und rein aus Protest – nicht einmal aus Überzeugung – eine Partei wählen kann, die ganz offen rechtsextremes Gedankengut in die Gesellschaft bringt und damit salonfähig macht. Meine Befürchtung ist, dass in Zukunft fremdenfeindliche Äußerungen quasi durch Abnutzung normal werden. Es ist für mich zumindest vorstellbar, dass Rechtspopulisten beziehungsweise Rechtsextreme das politische Klima in Deutschland mit der Zeit vergiften werden und schlimmstenfalls zum Mainstream werden könnten – wie es etwa in Österreich schon passiert ist.

Eigentlich war ich immer froh darüber, in einem Land zu leben, in dem rechtsextreme Äußerungen in der Politik mit gesellschaftlicher Ächtung gestraft wurden. Im Moment frage ich mich, ob das vielleicht keine Errungenschaft Deutschlands war, sondern ein Verdrängungsmechanismus, der sich jetzt rächt. Kotzt das deutsche Unterbewusstsein jetzt seine braunen Seiten hervor?

Ihr seht, im Prinzip bin ich so ratlos wie die Politiker und die Medien, die sich gegenseitig die Schuld am Erstarken der AfD geben.

Eins noch zum Schluss: Ich habe mich ja gefragt, ob ich an dieser Stelle darum bitten sollte, dass auch mal jemand meine Sorgen in dieser Sache ernst nehmen soll. Aber das ist einfach der falsche Ansatz. Ich sollte wohl selber aktiv werden, um für mein Weltbild einzustehen. Aber wie nur? Wie? Lasst mich wenigstens noch abwarten, bis mein kleiner Finger nicht mehr in Schockstarre ist.

Die AfD Wähler und ihre Sorgen – Soll ich sie ernst nehmen?
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2 Comments

  • Reply
    Chris
    9. Oktober 2017 at 12:46

    Liebe Eva, Du bist nicht allein. Auch mein erster Impuls war, der SPD beizutreten, um die Opposition zu stärken. Was mich bislang davon abgehalten hat, es auch wirklich zu tun, weiß ich gar nicht. Aber Dein Beitrag hat mich darin bestärkt, das ich etwas tun muss. Und wer weiß, wahrscheinlich sind wir bald viele und dann ist die AfD nur noch eine Randnotiz der Geschichte.
    Mit optimistischen Grüßen

    • Reply
      evamell
      9. Oktober 2017 at 13:06

      Vielen Dank für deinen Kommentar! So ein bisschen ist es auch die Befürchtung, dass ich nicht weiß, wie mir das Parteiinterne liegt. Bei der SPD gibt es aber sogar eine Probemitgliedschaft – ein Jahr für 2,50 Euro im Monat. Das hat ja dann auch was von „Ich schnuppern mal rein und kann erstmal vorsichtig ankommen“. Finde ich eigentlich nicht schlecht.

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