Politik

Wer ist Schuld am Wahlerfolg der AfD? Heute: Die Kirchen?

Ein Theologe findet, dass die Kirchen nicht so viel Kritik an der AfD üben sollten.

Wer ist Schuld am Wahlerfolg der AfD? Leute, das könnte ein neues Spiel werden. Es wird zumindest seit der Bundestagswahl scheinbar immer und überall gespielt. Jetzt hat sich auch ein Theologe eingeklinkt: Ulrich Körtner. Nein, Nein, nicht irgendein Theologe ist er, sondern Professor an der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien. Dann ist er auch noch Direktor des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie (IÖThE) der Diakonie Österreich – und Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin.

Und es geht noch weiter: Der Theologe ist Ehrenritter des Johanniterordens. Außerdem hat er sich an der Kirchlichen Hochschule Bethel in Bielefeld promoviert und habilitiert. Bethel, das weiß ich Schlaumeier, ist eine kirchliche diakonische Einrichtung, die größte von ganz Europa sogar. Dort werden Menschen mit den verschiedensten Behinderungen betreut und unterstützt. Toll, oder? Nun gut. Und dieser Ulrich Körtner sagt nun, die Kirchen seien Schuld am Wahlerfolg der AfD.

Die Kirchen: Zu kritisch gegenüber der AfD?

Warum? Weil sie die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel „vehement unterstützt und moralisch überhöht haben“. In einer Meldung wird er mit folgenden Worten zitiert: „Reflexhafte Aktionen gegen rechts wie die Kölner Initiative ‚Unser Kreuz hat keine Haken’, mit denen Parteimitglieder und Sympathisanten unterschiedslos als verkappte oder offene Nazis denunziert wurden, waren in dieser Pauschalität unsachlich und politisch kontraproduktiv.“ Seine Meinung ist: „Bloße Ausgrenzung und Ächtung werden auch die AfD weiter stärken.“

Und er fügt hinzu, dass die Kirchen das eigene Auftreten und Agieren selbstkritisch überdenken sollten, wenn sie mit Menschen ins Gespräch kommen oder Menschen zurückgewinnen wollen, „die sich im eigenen Land wie auch in ihrer Kirche zunehmend fremd fühlen“.

Ach ja, wie schade. Ich war ja kurz davor, einen Ethikrat für „Eva meint’s gut“ einzusetzen und Herrn Körtner für diese verantwortungsvolle Aufgabe anzufragen. Aber als ich seine Worte gelesen habe, habe ich laut und deutlich gehört, wie sich Dietrich Bonhoeffer im Grab umgedreht hat. Da hab ich dann doch lieber verzichtet. Dietrich Bonhoeffer: Wisst ihr noch? Der hat es während der Nazizeit gewagt, eine „Bekennende Kirche“ zu vertreten, die sich offen gegen die Schreckensherrschaft Adolf Hitlers wandte. Er wandte sich mit seiner Kirche auch gegen die „Deutschen Christen“, die sich dem Nazisystem angebiedert hatten.

Heute ist Konsens, dass die Bekennenden Kirche dufte war, die „Deutschen Christen“ hingegen doof. Und falls Herr Körtner glaubt, sowas wie die Deutschen Christen seien die optimale Methode, um gegen rechts vorzugehen, braucht er ja nur mal in die Geschichtsbücher zu schauen.

Mal ehrlich: Es ist doch sowieso nicht ganz so cool, wenn eine Religionsgemeinschaft sich hinter ein politisches System stellt, in dem massenweise Menschen zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft oder Religion verfolgt und umgebracht werden. Oder Herr Körtner? Oder???

Einfach mal die Fresse halten?

Und ist es nicht so, dass die AfD Muslimen und Flüchtlingen gegenüber eher unfreundlich eingestellt ist? Dass Vertreter der AfD Holocaust Mahnmale bescheuert finden? Und sie am liebsten einen Umgang mit der Geschichte hätten, der die Menschlichkeit ein bisschen zu sehr in den Hintergrund rückt?

Aber Herr Körtner hat ja irgendwo auch Recht. Nämlich beim ständigen Rumgejammer an den Mitgliedszahlen der Kirchen und den Besucherzahlen in den Gottesdiensten. Diese Kritik scheint ja so ziemlich jeden noch so bekloppten Änderungsvorschlag zu rechtfertigen.

Nun sollen die Kirchen also die Fresse halten und sich politisch nicht positionieren, wenn rechtsextreme Äußerungen wieder Einzug in die deutsche Politik erhalten? Liebe Kirchenvertreter, wenn ihr irgendwas richtig machen wollt, dann bleibt doch bitte bekennend. Eine Kirche, die nicht klar für die Menschlichkeit eintritt, ist nämlich mehr als überflüssig.

Ich muss an dieser Stelle endlich zugeben, dass ich ja auch nicht allzu oft im Gottesdienst anzutreffen bin. Der Erntedankgottesdienst des Kindergartens meiner Tochter war ja sehr niedlich und an Weihnachten gehe ich auch wieder hin, ehrlich! Aber ja, meistens mache ich sonntagmorgens Gottesdienst im Bett. Der ist nämlich einfach traumhaft.

Warum es gut ist, dass die Kirchen weniger Mitglieder haben

Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das Fernbleiben der Menschen nur ein schlechtes Zeichen für die Kirchen sein muss. Ich bin aus eigener Erfahrung davon überzeugt, dass viele regelmäßige Kirchgänger aus Angst in den Gottesdienst, die Bibelstunde oder den Jugendkreis gehen. Es gibt sicher auch andere Gründe, aber in meinem Leben, aus meiner persönlichen Erfahrung heraus habe ich es so erlebt, dass die Angst vor der Hölle und die Hoffnung auf den Himmel der Treibstoff ist, der die Leute in die heiligen Hallen führt.

Es ist ein großes Verdienst, dass die Kirchen heute im Großen und Ganzen nicht mehr mit der Angst arbeiten, um die Menschen anzulocken. Es ist auch verständlich, dass die Kirche ohne Höllenängste eines von mehreren Angeboten für die Freizeit, die Weiterbildung oder die Sinnsuche wird. Nach wie vor ein relevantes, davon bin ich überzeugt, aber eben kein alleiniges mehr.

Und ich bin mir sicher, dass sie noch relevanter werden kann, wenn sie nicht einfach die Klappe hält, während die Gesellschaft nach rechts rückt. Egal wie sich die Zustände in unserem Land, in Europa oder der Welt verändern: Die Ausrede „Wir haben ja nichts gewusst“ zählt nicht mehr. Also: Augen auf, Mund auf und niemals gegen das Gewissen handeln.

Eure Eva von Eva meint’s gut, ganz ohne Ethikrat!

Wer ist Schuld am Wahlerfolg der AfD? Heute: Die Kirchen?
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