Rezensionen

Emrah Serbes – türkische Literatur für Anfänger aus dem Binooki Verlag

Emrah Serbes und seine Romanfigur Behzat C.: Türkei mal anders als gewohnt.

Ich wundere mich ja schon längst über nichts mehr. Brexit? AfD im Bundestag? Donald Trump als Präsident? Und jetzt: Erdogan als vom Volk gewählter Autokrat? Es gibt nichts, was es nicht gibt. Die Politiker scheinen sich derzeit um die vordersten Plätze in den Geschichtsbüchern zu prügeln. Und nun also Erdogan. Nein, eine Überraschung ist es nicht, dass er wiedergewählt wurde und dabei seine Macht vervielfachen konnte.

Seine Wähler sagen Sätze wie: Er hat unser Land wirtschaftlich vorwärts gebracht. Ich kratze mir den Kopf und denke daran, dass die Türkei wirtschaftlich eher am Abgrund steht. Und selbst wenn er sein Land wirklich wirtschaftlich voran gebracht hätte: Warum wählen die Menschen einen Herrscher, der nun im Alleingang regieren darf? Der unzählige Menschen eingesperrt hat? Der keine Widerrede duldet und keine kritische Presse? Was ist die Türkei nur für ein Land? Und wohin steuert es?

Ratlos in Deutschland

Fragen über Fragen, die ich mir nur schwer beantworten kann. Denn ich war erst einmal in der Türkei. In Istanbul, für ein verlängertes Wochenende, vor einigen Jahren schon. Hier in Deutschland bekomme ich jede Menge fragwürdige Schlagzeilen aus dem Land mit und bin ratlos.

Da tut es gut, einmal jenseits von Schlagzeilen in die Türkei einzutauchen und das Land abseits von Erdogan zumindest ansatzweise zu begreifen. Zum Glück gibt es den in Berlin ansässigen Binooki Verlag. Zwei Schwestern, deren Eltern aus der Türkei stammen, haben den Verlag gegründet. Sie übersetzen türkische Literatur ins Deutsche.

Emrah Serbes und mein neuer Blick auf die Türkei

Ich habe mich bei meiner Lektüre bisher auf Emrah Serbes gestürzt, einen einzigartigen Autor, der beweist, wie viel Witz und Feuer Türken haben.

Mein Favorit ist Emrah Serbes Romanfigur Bezaht Ç. Er ist ein Kommissar bei der Mordkommission, der nicht nur mit kniffligen Fällen zu kämpfen hat, sondern auch mit dem korrupten Staat. Er kommt Vertuschungen auf die Spur und klärt auf, was Wichtigtuer lieber unter den Tisch fallen lassen würden. Nebenbei säuft und raucht er, flucht, trauert seiner Ex-Frau hinterher und wird auch mal handgreiflich, wenn es der Moment erfordert.

Die zweiteilige Krimireihe Behzat Ç. hat alles, was ein unterhaltsamer, gesellschaftskritischer, aber zugleich leichtfüßig lesbarer Krimi braucht – und das Beste: Die Bücher eignen sich auch für alle, die Krimis eigentlich eher langweilig finden. Normalerweise interessiert mich dieses Genre gar nicht. Aber der Autor Emrah Serbes schreibt mit so viel Feuer, dass ich mit dem Lesen weder aufhören konnte noch wollte.

Tanzend in die Proteste

Als ich Behzat Ç. durch zwei grandiose Bücher begleitet hatte, beziehungsweise er mich, konnte ich mir ein Leben ohne Literatur von Emrah Serbes längst nicht mehr vorstellen. Also lese ich nun Deliduman – ein Buch, das im Zuge der Proteste im Gezi Park in Istanbul entstanden ist.

Ihr erinnert euch: Im Jahr 2013 protestierten in Istanbul immer mehr vor allem junge Menschen gegen ein Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi Parks. Eigentlich aber war der Protest gegen das geplante Bauvorhaben nur ein Katalysator für die brodelnde Stimmung.

Die Politik von Erdogan und seiner Partei AKP wurde bereits vor fünf Jahren als autoritär empfunden. Die Menschen forderten Veränderungen, mehr Demokratisierung und weniger Polizeigewalt. Jetzt, fünf Jahre später, müssen wir erkennen, dass die Proteste wirklich nicht den gewünschten Effekt hatten.

Die Lektüre von Emrah Serbes Deliduman lohnt sich aber allemal. Darin geht es um ein Mädchen, das Michael Jacksons Moonwalk perfektionieren und vor großem Publikum aufführen will. Doch auf einmal beginnen die Gezi Proteste und das tanzende Mädchen verliert alle Aufmerksamkeit. Wäre doch gelacht, wenn sie die nicht wiederkriegen würde. Also setzt sie alles daran, nach Istanbul zu reisen und mitten unter den Protestierenden den Moonwalk zu tanzen.

Die Realität ist auch irre

Klingt irre? Nicht irrer jedenfalls als das, was uns die Realität in der Türkei momentan zu bieten hat. Ich kann euch nur empfehlen: Lest die Zeitungsberichte über die momentanen Zustände in der Türkei, denn das ist wichtig. Aber vergesst nicht, dass Erdogan und die ständigen geradezu unfassbaren Berichte über seine Regierung nur einen Teil der Realität des Landes ausmachen.

Literatur kann uns einen ganz eigenen und mindestens ebenso wichtigen Zugang zu einem Land verschaffen. Stöbert mal im Angebot des Binooki Verlags und erkennt, welche Schätze das Land für uns bereit hält, das uns derzeit so ratlos macht.

 

Hier geht’s zur Seite über Bücher von Emrah Serbes beim Binooki Verlag.

Hier könnt ihr die Bücher bei Amazon bestellen. Das ist gut für mich, weil Amazon mir dafür ein bisschen was bezahlt, aber ansonsten eigentlich scheiße, weil Amazon böse ist. Vielleicht bestellt ihr das Buch lieber direkt beim Verlag oder bei eurer örtlichen Buchhandlung. Das mache ich seit einiger Zeit recht konsequent – und es ist sogar echt einfach, wie ihr auf der Webseite meiner Dorfbuchhandlung seht.

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