Familie

Schreifrei: Wie ich es schaffe, mein Kind nicht mehr anzuschreien

Nie mehr meinem Kind gegenüber schreien und ausrasten. So geht's.

Lass deine Schwester in Ruhe! Zieh dich endlich an! Lass mich einmal alleine auf die Toilette gehen! Wenn du so weitermachst, dann…!

Ja, was eigentlich, wenn ich so weitermache? Die Sätze oben und viele andere ähnliche sind mir in den letzten Monaten immer wieder in enormer Lautstärke aus dem Mund geflogen. Ich gebe es zu: ich bin regelmäßig ausgerastet, habe mein Kind angeschrien, gebrüllt, wurde ungeduldig und dabei auch noch unerträglich.

Das Schlimmste in mir

Ihr könnt euch vielleicht denken, was die Folge war: Ganz sicher kein ruhiges, verständnisvolles Kind. Sondern eine ebenfalls schreiende und ausrastende Vierjährige, die mich geboxt, getreten und – immerhin nur beinahe – gebissen hat. Eines Tages hat sie mir eine Nussknackerfigur aus Holz gegen den Kopf gehauen. Da wusste ich: Es muss sich endlich etwas ändern.

Ich habe mal mit einer Kinderpsychologin gesprochen, die mir gesagt hat: Kinder bringen uns an unsere Grenzen und sie kehren das Schlimmste in uns zum Vorschein. Keine Ahnung, ob mein Gebrüll das Schlimmste war, was ich tun konnte, aber es kommt sicher ziemlich nah dran. Warum ich das getan habe?

Wir sind umgezogen, es war alles furchtbar stressig. Wir haben auch noch ein Baby. Die Nächte sind kurz. Die Vierjährige schwankt immer wieder zwischen wachsender Selbstständigkeit und enormer Hilfsbedürftigkeit. Ja. Es war alles sehr anstrengend. Und das ist es immer noch.

Ich schreie nicht mehr herum

Aber ich reagiere nicht mehr mit Schreien darauf. Denn mit dem Schreien wollte ich vor allem die Situation wegbrüllen. Kurz ausrasten, das Kind ist still, ich habe mich entladen, es kann gemäßigt weitergehen. So hatte ich mir das vorgestellt. So hat es aber nicht ein einziges Mal funktioniert. Stattdessen: Mama brüllt, Kind schreit, Baby weint, der Kopf dröhnt, nichts ist gewonnen.

Als meine Tochter mir den Nussknacker gegen den Kopf geschlagen hat, habe ich die Notbremse gezogen. Ich wollte nicht mehr schreien! Das war am 2. September 2020. Und bisher bin ich wirklich schreifrei. Wie ich das geschafft habe?

Mein Schreifrei Tagebuch

Ich darf nach wie vor genervt sein, ganz ohne zu meckern geht es auch noch nicht, aber Schreien und Brüllen sind verboten. Um mich selbst zu kontrollieren und meine Erfolge vor Augen zu haben, habe ich mir ein Schreifrei Tagebuch eingerichtet.

Jeden Tag mache ich einen großen Haken, wenn ich wieder nicht geschrien habe – und schreibe ein oder zwei Sätze dazu, wie es mir damit ging. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich doch einen gewissen cholerischen Anteil in mir trage. Vielleicht kam es mir deshalb in den ersten ein, zwei Wochen ständig so vor, als müsste ich mich verstellen, als würde ich schauspielern, mir und meiner Familie etwas vormachen.

Aber sofort habe ich Verbesserungen gespürt: Meine Tochter rastet selbst viel seltener aus, schlägt und tritt kaum noch, die gesamte Familienstimmung hat sich gebessert. Mein Mann hat das Ausrasten nach und nach ebenfalls aufgegeben.

Ruhig bleiben – so geht’s

Mit der Zeit haben sich die Einträge im Schreifrei Tagebuch geändert. Ich habe mich nicht mehr wie eine Schauspielerin gefühlt. Es kam mir irgendwann ganz gewöhnlich vor, ruhig zu bleiben. Ich atme jetzt tief durch, wenn ich eine Wut in mir wachsen spüre.

Ich meditiere – leider nicht regelmässig genug – und kann dadurch erkennen, dass ich kein Opfer meiner Empfindungen sein muss. Dass ich sie nüchtern betrachten kann und mich aktiv für einen Weg entscheiden kann, mit ihnen umzugehen.

Ja, Kinder kitzeln manchmal das Schlimmste in uns zum Vorschein. Sie sind aber auch ein gutes Übungsfeld, um das Beste in uns wachsen zu lassen!

Peace, Leute!

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