Familie

Evas Corona Protokoll

5 Wochen Kindergarten zu: Evas Corona Protokoll

Der Corona-Ausnahmezustand: 5 Wochen lang ist der Kindergarten geschlossen. Eva verbringt jetzt mit einer Dreijährigen, einem zwei Monate alten Baby und einem Mann, der erst mal nur noch im Homeoffice arbeiten soll, viel Zeit in der Dreizimmerwohnung. Sie tut das gerne. Bürgerpflicht halt, oder? Rausgehen ist erlaubt, Interaktionen werden aber stark vermieden. Wie das konkret aussieht? Lest selbst! Jeden Tag wird dieser Beitrag um einen neuen Tagesbericht ergänzt.

Tag 12, 27. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 19:14 Uhr: 42.288

Die Trainer vom Corona-Kindersport von ALBA Berlin lassen sich ja jeden Tag etwas Lustiges für die Kleinen einfallen. Kürzlich sollten wir Schuhe im Raum verteilen, über die wir gehüpft sind. Heute sollte jeder ein Paar Socken holen, das in die Übungen eingebunden wurde. Total interaktiv und so. Aber irgendwie auch fehleranfällig.

Denn während das Kind unbedingt jedes Paar der im Raum verteilten Schuhe oder Socken anprobieren möchte, turnen die Eltern quasi allein durch das Wohnzimmer. Ich hoffe, morgen wird auf den Einsatz weiterer Kleidungsstücke verzichtet. Aber das Gute an dieser Trainingsidee ist: Man hat nachher auch noch was aufzuräumen – und schlägt so weitere nicht wertvolle Corona-Zeit tot!

Mein langweiliger Alptraum

Nach dem Gesporte habe ich meine Gemüsekiste vom Biobauernhof vor der Tür deponiert, damit sie gegen eine gut gefüllte ausgetauscht werden konnte, denn heute ist wieder Liefertag. Stellt euch vor: Ich habe heute Nacht geträumt, dass ich das vergessen habe. Und das hatte irgendwelche total üblen Folgen. Wirklich Wahnsinn, welche komischen Alpträume man entwickelt, wenn man ans Haus gefesselt ist.

Weiterer Programmpunkt heute: Putzen! Ihr wisst, das mache ich jetzt selber, da ja auch die Putzhilfe Corona-frei hat. Zwei Wochen Ausnahmezustand sind fast geschafft, die Tätigkeiten fangen an, sich zu wiederholen.

Da ist es gut, wenn man jeden Tag wenigstens ein neues Bastelprojekt mit dem Kind hat. Heute haben wir Küken aus Tonpapier ausgeschnitten, die die Erzieherin meiner Tochter aufgemalt hat. Wir haben jetzt eine ganze Tüte voller Bastelideen für die Corona-Wochen vom Kindergarten bekommen. Die Erzieherin meiner Erstgeborenen hatte mich angerufen und gefragt, wie es uns geht, was wir brauchen und ob sich meine Tochter über Beschäftigungsmaterial aus dem Kindergarten freuen würde.

Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass sie sich melden würde. Ich hätte den Anruf auch nicht vermisst, wenn er nicht gekommen wäre. Aber ich war so gerührt, dass sie an uns Familien denkt, dass ich glatt eine Freudenträne geweint hätte – wenn ich nur etwas näher am Wasser gebaut wäre.

Opa und Corona

Der nächste emotionale Moment kommt am Abend: Ich spreche mit meinem Mann darüber, dass es ja ziemlich hart sein muss, momentan an einer Beerdigung teilzunehmen, so ganz ohne Umarmungen und unter Einhaltung des Sicherheitsabstands. Da sagt die Dreijährige, die immer alles mitbekommt: „Wegen dem Corona-Virus!“ Ich schaue sie an und sage: „Verlier trotz allem niemals deine Liebe zu den Menschen und deine Kontaktfreude!“ Und sie sagt voller Sehnsucht: „Opa!“ Mein Mann und ich schauen uns betreten an. Immerhin konnte sie heute mit Opa telefonieren.

Und so geht ein weiterer Tag zu Ende. Zum Abschluss noch der Witz des Tages: Mein Mann fragt mich, ob am Wochenende irgendwas geplant ist. Wir schauen uns an und lachen uns schlapp.

Tag 11, 26. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 20:33 Uhr: 36.508

Am Vormittag (nach dem obligatorischen Sportprogramm) durfte meine Dreijährige ein Geschenk auspacken: Eine Schaukel für den Baum vor unserem Haus. Man muss ja in Corona-Zeiten wirklich kreativ werden. Normalerweise gehen wir auf Spielplätze oder schaukeln bei Nachbarn. Das geht jetzt alles nicht mehr.

Aber auf einmal ist mir kürzlich der Baum ins Auge gesprungen, der auf dem Grundstück des Mehrfamilienhauses steht, in dem wir wohnen. Und dann hat er auch noch einen perfekten Schaukelast! Das Kind ist glücklich und wir fühlen uns gleich viel weniger schäbig, dass wir in letzter Zeit vor allem Verbote aussprechen mussten.

Toilettenpapier im Bauernladen

Das war wohl der Höhepunkt des Tages für die Tochter. Für mich hingegen fing die Aufregung erst nach dem Mittagessen an: Ich habe die Kinder ins Auto gepackt und bin in Richtung Bauernladen gefahren. Auf dem Weg dorthin habe ich etliche Menschen mit frisch eingekauftem Toilettenpapier gesehen (ehrlich!). Andere hatten Atemschutzmasken auf, manche sogar Gummihandschuhe. Ich habe die letzten zwei Wochen voll und ganz zu Hause verbracht, mit kleinen Abstechern auf die Straße vorm Haus oder in den Wald. Nun erschlägt mich die Realität geradezu.

Am Bauernladen angekommen schläft das Baby – und das Kleinkind bekommt im Auto eine Brotdose gefüllt mit Waffeln und Äpfeln, solange ich mich in die Hochrisikozone begebe. Am Eingang ist ein Desinfektionsmittelspender aufgebaut und es gibt gratis Gummihandschuhe für uns Kunden. Es hat sich seit meinem letzten Besuch hier einiges getan: Der Bauernladen verkauft jetzt nicht nur frisches Obst, Gemüse, eigenen Apfelsaft und so weiter, sondern auch Mehl, Hefe und Klopapier. Ich nehme mir von allem. Man weiß ja nie…

Mein eigener Supermarkt

Auf dem Rückweg nach Hause beschließe ich spontan, auch noch am Supermarkt Halt zu machen. Auf dem Boden sehe ich Klebestreifen, die angeben, wie viel Abstand man zum Vordermann halten soll. Es ist aber sowieso kaum jemand da. Die Kassen sind wie im Hochsicherheitstrakt abgeriegelt. Ein riesiges Plastikfenster schützt die Kassiererin, die einzige Aussparung ist fürs Kartenlesegerät eingerichtet.

Noch nie in meinem Leben habe ich so viel eingekauft wie am heutigen Tag. Als ich die Einkäufe aus allen Ecken und Enden des Autos in die Wohnung gewuchtet und eingeräumt habe, überlege ich kurz, mit meinen Vorräten selbst einen Supermarkt aufzumachen. Habe ich im Supermarkt etwa übertrieben? Ich glaube nicht. Denn ich will momentan so selten wie möglich einkaufen. Ganz wohl ist mir nämlich nicht dabei, mein Baby und mein Kleinkind während der Einkäufe warten zu lassen. Aber sie mit in die Läden zu nehmen, ist für mich derzeit auch keine Option.

Das Blödeste an Corona…

Auf dem Weg nach Hause bringen wir ein paar Einkäufe bei meinen Eltern vorbei. Die Dreijährige freut sich, den Opa wieder zu sehen – und ist verunsichert, als ihr klar wird, dass sie ihn nicht anfassen und sich nicht so verhalten darf, wie sie es dort normalerweise tut.

Das Blödeste an Corona, so erzählt sie mir auf dem Weg nach Hause, ist: „Dass ich Opa nicht anfassen darf!“ Gibt es auch irgendwas Gutes in der jetzigen Situation? „Dass ich mit Opa telefonieren darf!“ Das ist für morgen wieder geplant. Und damit Gute Nacht!

Tag 10, 25. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 18:50 Uhr: 31.554

Um ein geniales Gedicht von Peter Shaw, zweiter Detektiv bei den Drei Fragezeichen, zu zitieren: „Ich steh auf, verrenk mich. Erst dann bin ich drandenklich!“ Ihr ahnt es: Ich bin direkt aus dem Bett auf die Sportmatte gefallen. Als ich fertig war, durfte die Dreijährige ran. Das Corona-Kita-Sportprogramm von ALBA Berlin auf YouTube ist nach wie vor nicht von einem Sondereinsatzkommando auseinander genommen worden. Aber vielleicht liegt es daran, dass zwei Menschen und ein Albatros miteinander herumhüpfen.

Ich hatte ja bisher angenommen, dass es sich lediglich um ein Albatros Kostüm handeln würde, in dem ein Mensch steckt. Doch es scheint wirklich menschengroße Albatrosse zu geben, die deutsch verstehen und gerne Sport machen. Wahrscheinlich ist es deshalb in Ordnung, dass sich in der Vereins-Umkleide mehr als zwei „Personen“ zum Sport versammeln. Cool! Wieder was dazu gelernt.

Smoothie time in Corona-hausen!

Was gibt es nach dem Sport? Smoothie natürlich! Auch im Ausnahmezustand bleiben wir beim veganen Hipster-Frühstück. Und obwohl niemand nachgefragt hat, kommt hier mein Rezept für 2 Erwachsene und ein Kind, das eher kleine Portionen ist:

  • 2 Bananen
  • 2 Birnen
  • 1 Orange
  • 5 Datteln
  • 2 EL Backkakao
  • 2 EL Kokosraspeln
  • 3 EL Haferflocken
  • eine halbe Avocado
  • 200 ml Hafermilch
  • 150 ml Apfelsaft

Alles mit ordentlich viel Power mixen und ab damit in die Müslischüsseln! Als Topping empfehle ich: frische Früchte, zum Beispiel Himbeeren oder Birne, Kokosraspeln, Mandelsplitter, Rosinen, Haselnussblättchen, Kakao-Nibs…

Obwohl ich nicht vorhabe, mich heute noch mit irgendjemandem zu treffen, gönne ich mir im Anschluss eine wohltuende Dusche, tusche mir die Wimpern und friemel mir Ohrringe in die Ohrlöcher. Der Tag kann beginnen!

Eis, Eis, Baby!

Die Dreijährige macht am Vormittag mal wieder WhatsApp Videotelefonie mit dem Opa, womit wir tatsächlich eine knappe Stunde Zeit totschlagen. Und im Anschluss geht es mal wieder raus: Blumen sammeln für einen neuen Blumenkranz, und das Baby im Tragetuch in den Schlaf wiegen. Und schon steht das Mittagessen an. Das läuft ja heute wie geschmiert! Nach dem Essen habe ich auch schon Feierabend.

Mein Mann hat seinen freien Nachmittag und fährt mit dem Kleinkind in den Wald. Ich widme mich endlich einer Tätigkeit, für die ich seit Monaten keine Zeit hatte: Ich taue den Kühl- und Eisschrank ab. Boah, damit kann man echt einen ganzen Tag verbringen. Ich gebe zu: Ich konnte seit einiger Zeit nur noch ungefähr die Hälfte des Gefrierschranks benutzen. Die andere Hälfte war zugeeist. Am liebsten würde ich die ganze Kiste aus dem Fenster schmeißen! Stattdessen kann ich ab morgen früh wieder zusehen, wie das olle Ding sich selbst wieder einfriert. So eine hirnverbrannte Maschine…

Tag 9, 24. März

Ich wache auf, rolle mich vom Rücken auf die Seite und stoße voller Leid ein tiefes Stöhnen aus. Autsch! Schlimmer Muskelkater an den Oberschenkeln und im Hintern. Der ganze Sport, mit dem ich mir hier im Corona Ausnahmezustand die Zeit vertreibe, hinterlässt seine Wirkung.

Aber Routine muss sein! Also packe ich die Hanteln aus, verzichte diesmal aufs Training von Beinen und Po und stähle eben meinen Oberkörper. Das Baby schreit nur ein bisschen, die Erstgeborene nervt auch nur kurz, ich kann das Programm wie gewohnt durchziehen. Danach ist das Kind dran! Heute hat tatsächlich ALBA Berlins tägliches Sportprogramm für Kita-Kinder auf YouTube gestartet. Dafür unterbricht sogar mein Mann seine Homeoffice Arbeit und sportet mit.

Verbotener Sportspaß

Ich habe mich ja schon seit gestern gefragt, ob das Sportprogramm mit der üblichen Besetzung laufen würde. Und tatsächlich: Vor der Kamera zu sehen sind eine Trainerin, ein Trainer und eine Person im Albatross-Kostüm. Dazu ist wahrscheinlich noch mindestens eine Kameraperson im Raum. Ich warte auf den Moment, in dem die Polizei diese verbotene Versammlung von irre vielen Menschen – die sich auch nicht immer in einem Abstand von mindestens 1,50 Metern zueinander befinden – brutal zerschlägt.

Aber tatsächlich können wir ungestört vor uns hin turnen. Vielleicht leben die beteiligten Personen ja während der Corona Zeit auch permanent in der ALBA Berlin Umkleide. Als Schicksalsgemeinschaft, die sich nicht trennen will, damit sie uns allen in dieser schweren Zeit ein wenig Ablenkung bringen kann. Danke, danke, danke!

Kein Adrenalinprogramm heute

Der Vormittag streicht zügig von dannen, alle sind zufrieden, es gibt nur einen kleinen Rückschlag: Die Arztpraxis teilt mir mit, dass ich heute mit dem Baby nicht zum Impfen kommen darf. Also doch wieder kein aufregender Programmpunkt. Man darf momentan nur dann die Praxis betreten, wenn man kurz vorm Abnippeln ist. Zum Glück trifft das auf uns nicht zu. Und, wie die Arzthelferin so treffend formuliert: Wir sind ja jetzt sowieso zu Hause und halten Abstand zu anderen. Das Impfen kann also getrost noch eine Weile warten.

Am Nachmittag sinkt die Laune der Erstgeborenen leider in den Keller. Die Hände tun ihr weh, sind trocken und gerötet. Immer dieses intensive Händewaschen! Wir cremen, es wird natürlich nicht sofort besser, die Laune sinkt noch weiter. Nur mit Mühe und Not kann ich sie dazu überreden, einen kleinen Spaziergang in unserer Straße zu machen. Fühlt sich ein bisschen an wie eine Runde im Gefängnishof.

Eine komische Begegnung

Immerhin finden wir viele hübsche Gänseblümchen, aus denen wir einen Blumenkranz binden. Am Brunnen am Ende der Straße spielt ein kleiner Junge mit seiner Mutter. Als wir kommen, gibt sie ihm zu verstehen, dass sie jetzt nach Hause will. Ich sage: „Tschüß!“ Sie sagt: „Ist etwas komisch, oder?“ Ich: „Ja, doof!“ Meine Tochter wartet schweigend auf einer Bank, bis der Junge weg ist. Erst dann läuft sie zum Brunnen und spielt. Sie will danach viel kuscheln, jault und jammert ein bisschen.

Zum Glück kann das Abendessen sie besänftigen: Es gibt Milchreis mit Apfelmus! Übrigens ein Essen, das man wunderbar hamstern kann.

Tag 8, 23. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 19:35 Uhr: 22.672

Eine herbe Enttäuschung! Kein neues Kita-Sportprogramm von ALBA Berlin auf YouTube. Die wollten doch jetzt zu Corona-Zeiten jeden Tag etwas Neues vorbereiten, oder nicht? Zu sehen ist nur das Programm, das wir gestern mitgemacht haben. Die Dreijährige jammert: „Ich will aber Sport machen!“ Und ich suche das Internet nach einer Erklärung ab. Endlich finde ich sie: Anscheinend fängt der tägliche Sport erst morgen früh um 9 Uhr an. Nagut. Also machen wir nochmal das Sportprogramm, das wir gestern schon gemacht haben. Danach gibt’s natürlich Smoothie! So viel Lebensqualität muss auch zu Corona Zeiten sein.

Soll ich noch ökiger leben?

Und als ich dem Baby die x-te vollgeschissene Windel wechsle, denke ich ernsthaft darüber nach, doch noch auf Stoffwindeln zu wechseln. Wir sind ja jetzt sowieso dazu verdammt, viel zu Hause zu sein. Warum nur tue ich mich mit dem Gedanken an Stoffwindeln eigentlich so schwer? Alles in mir schreit NEIN.

Ich habe Zeit, über mein pseudohaftes Öko-Dasein nachzudenken, während meine Dreijährige etwa 45 Minuten lang Videotelefonie mit dem Opa macht, der ihr ein paar Geschichten vorliest. Fühlt sich fast wie Babysitting an! So können die Großeltern Zeit mit der Enkelin verbringen und ich habe ein wenig Freiraum. Ein Konzept, das ich nur weiterempfehlen kann. Am Ende schreit immer noch alles in mir nein, wenn ich an Stoffwindeln denke. Aber immerhin etwas leiser.

Wir waren hier!

Gegen Mittag überrede ich meine Erstgeborene, ein wenig mit mir nach draußen zu gehen, damit das Baby einschläft. Die Sonne scheint, kein Wölkchen ist zu sehen, es ist gleichzeitig bitterkalt und die Straße ist wie ausgestorben. Wir hinterlassen unsere Spuren mit Straßenmalkreide. Wir waren hier!

Und dann: Schnell wieder ins Warme. Ein paar Runden „Einhorn Glitzerglück“ später ist mir: langweilig. Einfach irgendwie langweilig. Ich freue mich fast schon auf morgen. Da werde ich mich einem ganz besonderen Abenteuer stellen: Das Baby und die Dreijährige müssen zum Arzt: impfen. Werden wir es schaffen, im Wartezimmer einen Abstand von 1,50 Metern zu unseren Nebensitzern einzuhalten? Wird die Polizei das Wartezimmer darauf überprüfen, ob mehr als zwei Personen darin sitzen? Ich hoffe, ihr seid so gespannt wie ich. Morgen geht’s weiter!

Tag 6 und 7, 21. und 22. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 20:03 Uhr: 18.610

Hoch die Hände, Wochenende! Und dann auch noch Frühlingsanfang. Logisch, dass wir die Wohnung verlassen wollten. Man weiß ja nie, wie lange das noch geht. Hochmotiviert haben wir uns alle ins Auto verlagert, um in einen Park zu fahren. Die Erstgeborene hat getobt und geschrien, als wir ihren Buggy und das Laufrad mitnehmen wollten. Ihr Fahrrad sollte mit! Der Buggy zu Hause bleiben! Welche monsterhaften Eltern würden auf andere Ideen kommen? Absurd! Grund genug für eine Meuterei.

Letztlich haben wir nachgegeben – und der Dreijährigen mehrmals erklärt, dass wir ihr Rad weder tragen noch schieben werden. Die Lektion des Wochenendes: Vertraue nie darauf, dass ein dreijähriges Kind sich am Ziel noch an solche Vereinbarungen erinnern kann.

Wo ist die Ausgangssperre, wenn man sie braucht?

Auf halbem Weg zum Park ist die Erstgeborene eingeschlafen. Und beim Aussteigen stellten wir pünktlich zum Frühlingsanfang einen heftigen Temperatursturz fest. Feinstes Winterwetter – im Gegensatz zu den Tagen davor. Der Blick unserer kleinen Fahrradfahrerin war eindeutig, als wir sie aus ihren Träumen rissen und in die Kälte stellten: Wo ist die Ausgangssperre, wenn man sie mal braucht??? Nach 15 Minuten Alibi-Spaziergang im Park machten wir kehrt. Ab nach Hause.

Sporty Sunday

Den trüben Sonntag haben wir dann vernünftigerweise ganz ohne Outdoor-Ambitionen gestartet. Stattdessen habe ich ganze 40 Minuten mit meiner Workout-App vor mich hin geschwitzt. Die Kinder werden immer gnädiger! Und um kurz vor 9 Uhr erreichte mich die Nachricht einer Nachbarin: ALBA Berlin hat jetzt ein Sportangebot für Kindergartenkinder auf YouTube! Jeden Tag um 9 Uhr für eine halbe Stunde. Im Anschluss gibt es noch Sportprogramme für Grundschüler und ältere Schüler.

Hervorragend. Also haben die Erstgeborene und wir Eltern losgelegt: Wir sind geflogen wie ein Albatross, gekrabbelt wie ein Krebs, haben uns eingerollt wie eine Raupe und und und. Was für ein sportlicher Morgen. Mein Ziel: Ich will das jetzt jeden Morgen mit meiner Tochter machen. Nicht nur, weil es Spaß macht, sondern weil es eine deutschlandweite Gemeinschaftsaktion ist. Wir sind zwar alle dazu verdammt, auf Distanz zueinander zu gehen. Aber ich weiß: Morgens um 9 Uhr werden tausende Kinder und Eltern mit uns zusammen Sport treiben.

Mein Fazit nach der ersten Woche:

Ich war überzeugt, dass ich euch jeden Tag vom immer stärker werdenden Wahnsinn erzählen kann. Davon, wie wir uns hier zu viert in drei Zimmern ordentlich auf den Senkel gehen und ich ein paar Familien-Notstandsgesetze einführen muss. Aber ganz ehrlich: Es ist bisher alles entspannter und schöner als zuvor. Ich jage nicht mehr von einem Termin oder einer Verabredung zur nächsten. Wir haben viele kreative Ideen, basteln, malen, backen, kochen und gehen insgesamt viel positiver miteinander um als im Alltag.

Wir haben jetzt eine Gemüsekiste, die wöchentlich zu uns geliefert wird, so dass wir nicht mehr total viel wertvolle Zeit beim Einkaufen verlieren. Wir haben eine komplette Woche von Resten gelebt, damit abwechslungsreich gekocht und nichts vermisst. Wir haben immer noch genug Klopapier, obwohl wir nichts davon gehamstert haben. Einige Ängste und Sorgen, die ich aufgrund dieses ungewissen Corona-Zustandes hatte, konnte ich loslassen, als ich sie hier auf meinem Blog niedergeschrieben habe. Also kann ich nur empfehlen: Schreibt auf, was euch bedrückt. Das hilft!

Morgen beginnt die zweite von voraussichtlich 5 Kindergarten-freien Wochen bei uns. Seid dabei!

Tag 5, 20. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 21:03 Uhr: 13.957

7.15 Uhr: Mal wieder sind beide Kinder wach – und noch gut gelaunt. Also ran ans Sportprogramm! Heute mal mit Fokus auf meine Arme, Schultern und den oberen Rücken. Mit Hanteln bewaffnet stehen ich (eine 2 Kilo Hantel in jeder Hand) und meine Dreijährige (eine 1 Kilo Hantel in jeder Hand) im Wohnzimmer. Das Baby schaut uns verwundert zu. Es verzichtet aufs Schreien, denn es will uns wohl bis zur letzten Sekunde leiden sehen. „Ich kann das auch!“, sagt die Dreijährige immer wieder und versucht, die Hanteln zum Bizeps Curl hochzuwuchten. Irgendwann hat sie keine Lust mehr. Ich wuchte weiter. Und danach schufte ich weiter.

Corona Auszeit für die Putzfee

Wegen Corona verzichten wir vorerst auf die Dienste unserer Putzfee. Mein Mann war ja damals skeptisch, als ich mich dafür aussprach, diesen Bereich des Haushalts auszulagern. Ich hingegen war sicher: Eine Putzhilfe ist immer noch billiger als eine Paartherapie. Denn wir haben zwar beide keine Lust, mit den Socken ständig in den Essensresten der vergangenen Wochen hängen zu bleiben. Aber wir haben auch beide keinerlei Lust, die dafür nötige Arbeit zu tun.

Heute hingegen musste ich ran. Logo, ich bin ja gerade gefangen im Klischee: Elternzeit mit zwei Kindern, während der Mann arbeitet. Gelernt habe ich dabei: Babys lieben wirklich das sanftmütige Brummen eines Staubsaugers. Sie hassen allerdings die stille Arbeit des Wischmobs. Und ich selbst habe endlich mal die Power des Chlorreinigers kennen gelernt. „Das riecht ja wie im Schwimmbad“, sagte meine Dreijährige, als ich mir die Badezimmerfliesen vornahm. Wenn wir da schon nicht hin können, holen wir uns doch wenigstens den passenden Geruch nach Hause!

Social distance Lebensmittel

Das Highlight des heutigen Tages war aber definitiv die Lieferung unserer Biokiste. Am Sonntag hatte ich sie recht panisch für eine wöchentliche Lieferung bestellt, weil ich jetzt nicht mehr ständig in den Supermarkt gehen will. Sie kommt vom Demeter-Bauernhof aus der Region, kostet einen Arm und ein Bein, aber dafür gehe ich damit nicht nur dem Corona Virus aus dem Weg, sondern rette auch noch die regionale Wirtschaft, die Welt, das Klima, was weiß ich. Multitasking eben.

Prioritäten und so

Eigentlich hätte ich den Nachmittag zu meiner freien Verfügung haben sollen, da mein Mann die Erstgeborene bespaßen sollte. Doch weit bin ich mit meiner Zeit für mich nicht gekommen. Um mal was anderes als Corona im Kopf zu haben, habe ich in Der Zeit einen Artikel über den IS gelesen, der längst noch nicht besiegt ist.

Als ich so mittendrin in meiner Quality time mit mir selbst war, meinte mein Mann auf einmal, ich würde meine Prioritäten gerade falsch setzen. Draußen: Herrlichstes Wetter, knappe 20 Grad. Die Prognose für die nächsten Tage: Ausgangssperre. Also gut. Ich habe mich überreden lassen, in den Wald mitzukommen. Es war wunderschön. Am Ende waren wir alle müde, fertig, hungrig, durstig, deshalb schlecht gelaunt, aber natürlich im tiefsten Herzen glücklich.  

Tag 4, 19. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 19:27 Uhr: 10.999

Bevor unser Baby geboren wurde, habe ich 80 Prozent gearbeitet, genau wie mein Mann. Die Erstgeborene ist immer bis 14 Uhr in den Kindergarten gegangen. An zwei Nachmittagen habe ich mich um sie gekümmert, zwei Nachmittage hat mein Mann übernommen und einen meine Eltern.

Deshalb stehen mir diese Woche noch zwei halbe Tage nur mit Baby zu, während mein Mann sich um unsere Dreijährige kümmert. Wir haben heute den Vormittag dafür gewählt. Mittlerweile ist es 11:18 Uhr, das Baby schnarcht meine Brust an und nuckelt ab und zu.

Ein bisschen Schwermut darf sein

Ich habe ein paar langweilige Dinge per Telefon erledigt, gelesen und lasse die Müdigkeit in meinen Körper sacken. So richtig entspannt waren die letzten Nächte nicht. Obwohl die vergangenen Tage wirklich schön waren, habe ich nachts während der Wachphasen – wenn ich stille – Zeit nachzudenken. Was passiert, wenn der Kindergarten voraussichtlich am 19. April wieder öffnet? Wie wird sich das Leben ab dann gestalten? Ein bisschen Schwermut darf zwischendurch auch mal sein. Zum Glück ist für heute Nachmittag geplant, Waffeln zu backen!

Zwei Eier brauche ich für die Waffeln. Das erste schlage ich auf. Danach halte ich inne. Ich hatte vor, dieses Jahr meine Mutter zu fragen, ob sie mit meiner Dreijährigen Ostereier bemalen will. Als ich Kind war, hatte meine Mutter die Eier zur Osterzeit leergeblasen. Oben und unten hatte sie kleine Löcher mit einer Nadel gepiekst und dann hatte sie kräftig hineingeblasen, so dass das Eiweiß und das Eigelb hinausflutschten, während die Schale ganz blieb.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dieses Jahr mit dem Baby die Zeit für solche Sachen zu haben. Aber davon wurde uns ja jetzt mehr als genug geschenkt. Also: Nadel her und los geht’s! Tatsächlich habe ich es geschafft. Wir haben nun eine intakte Eierschale, die wir anmalen können. Ganz ohne Omas Hilfe!

Projekt Sozialphobie

Nachmittags auf der Straße sind deutlich weniger Kinder zu sehen als gestern. Meine Erstgeborene erblickt ihre Freundin in deren Hauseingang, weiß aber, dass sie nicht mit ihr spielen darf. Es ist für sie in Ordnung. Ohne lange Diskussionen steigt sie auf ihr Fahrrad und kommt mit mir mit. Ich bin gleichzeitig erleichtert und habe ein mulmiges Gefühl. Projekt Sozialphobie abgeschlossen?

Tag 3, 18. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 19:30 Uhr: 8.198

Wenn man ganz plötzlich seinen Alltag wegen einer Pandemie umkrempeln muss, sollte der Tag verschiedenste Ereignisse bereithalten. Sonst grübelt das Gehirn einfach zu viel. Deshalb hier ein Ausschnitt aus meinem Tag 3 des Corona Ausnahmezustands, thematisch geordnet! 

Sport:

7:15 Uhr: Beide Kinder sind wach. Tag 3 beginnt. Also aufstehen und das Sportprogramm abhaken, bevor die Kinder schlechte Laune bekommen. Das Baby liegt ruhig auf der Sportmatte im Wohnzimmer, die Erstgeborene schaut sich ein Bilderbuch an. Beste Voraussetzungen. Ich starte meine Sport-App. Darin gibt es eine lange Liste an Workouts für alle Körperteile.

Eignet sich auch gut für die Rückbildung, wenn man bei den Übungen für die geraden Bauchmuskeln einfach die schrägen trainiert. Auch allen anderen ist solch eine Fitness-App unbedingt zu empfehlen, wenn man momentan Fitnessstudios meiden muss. Ich denke noch: So ein Drill Sergeant wie im Fitnessstudio wäre natürlich super, damit man die Übungen auch wirklich intensiv macht.

Wie gerufen steht meine Tochter auf, geht zum Handy, blickt aufs Video, schaut mich kritisch an – und sagt: „Den Arm musst du aber so halten!“ Ich lächle gequält, verrenke mich wie gewünscht und höre neben mir das Baby schreien. Kein Problem! Die nächsten Übungen muss ich auf der Seite liegend machen. Die perfekte Position, um im Liegen zu stillen. Das Baby ist glücklich, der Drill Sergeant auch, ich bin fix und fertig, wie es sich für ein gutes Workout gehört!

Bewegung an der frischen Luft:

Ab in den Wald! Wo die Zahl an Menschen gering ist und die Möglichkeiten endlos sind. Da gibt es Stöcke, Steine, Schmetterlinge, Blüten – was braucht man mehr, um ein Kind zu beschäftigen? Doch unser Waldweg um die Ecke ist abgesperrt!

Weil er nach einem kleinen Fußmarsch in die Schweiz führt, darf man ihn nicht einmal mehr betreten. Ich fühle mich wie im Zweiten Weltkrieg. Ob wir uns am Bauzaun vorbeischlängeln sollten? Wer weiß, was dann passiert. Angriff der Killerviren? Lieber nicht. Also umdrehen in Richtung Straße vor unserem Haus. Eine folgenschwere Entscheidung, wie sich bald zeigen wird.

Soziale Interaktion:

Es ist ein wunderbar sonniger Tag. Wir haben es zwar nicht in den Wald geschafft, aber auf der ruhigen Straße vorm Haus kann man wenigstens mit Kreide malen und ein wenig Fahrrad fahren. Doch was sehe ich? Kinder aus der Nachbarschaft schaukeln gemeinsam, fahren Fahrrad um die Wette, springen mit Hilfe der Mütter Seil. Äh, haben wir nicht irgendwie sowas wie Corona Ausnahmezustand???

Meiner Dreijährigen ist es kaum zu vermitteln, dass sie nicht mit ihren Freunden aus der Straße spielen darf. Muss es erst eine Ausgangssperre geben? Ich liebe diese Menschen alle. Aber ihr Verhalten in diesem Moment verstehe ich einfach nicht.

Spaß und Spiel:

Vielleicht könnte unser heutiges Bastelprojekt eine echte Corona-Challenge werden: Basteln mit Klopapierrollen! Wir haben eine Puppenkerze gebastelt. Aus einer Klopapierrolle wird die Geburtstagstorte, oben drauf kommt eine hübsche Verzierung und eine echte Kerze. Kein Wunder, dass die Leute so viel Klopapier horten! Je mehr Rollen, desto mehr Bastelmaterial! Endlich begreife ich es.

Was man mit den vielen Klopapierrollen in der Corona-Zeit alles machen kann!

Corona Challenge: Basteln mit Klopapierrollen!

Tag 2, 17. März

Corona-Fälle in Deutschland laut Robert-Koch-Institut, Stand 19:39 Uhr: 7156

7:50 Uhr: Es trudelt eine E-Mail meiner Hebamme ein. Der Rückbildungskurs heute fällt aus, aber sie schickt uns eine Reihe von Übungen für zuhause. Perfekt, mein Baby schläft noch. Also ab auf die Matte! Ich werde zu Höchstleistungen angespornt von meiner Erstgeborenen, die neben mir sitzt: „Mama, wann machst du mir was zu essen?“ Stellt euch das mal in Endlosschleife vor. Ich ziehe die Übungen also diszipliniert und ohne Pausen durch. Während ich anschließend das Frühstück vorbereite, schreit das Baby. Tag 2 beginnt!

9:45 Uhr: Die Erstgeborene malt die Villa Kunterbunt für ihre beste Freundin, die im Haus neben uns wohnt. Wir möchten ihr das Bild in den Briefkasten werfen, weil die beiden momentan nicht miteinander spielen können. Ich frage mich gerade, ob man sich noch Dinge in Briefkästen werfen darf. Kontaminationsgefahr? Und wieso muss ich mir diese absurden Fragen stellen? Meine Tochter hat andere Sorgen: Die Mine des orangefarbenen Stiftes bricht ständig ab.

Mir bleiben noch zwei Zucchini, zwei Paprika und eine Tomate. Das Ende naht!

10:15 Uhr: Ich versuche erfolglos, den Demeter-Bauernhof aus der Region zu erreichen, bei dem ich vor ein paar Tagen eine Obst- und Gemüsekiste im Abo bestellt habe, damit wir kulinarisch auf nichts verzichten müssen. Die Idee hatten andere wohl auch. Als ich die Kiste am Sonntag online bestellen wollte, waren die Server überlastet. Schließlich konnte ich sie bestellen, warte aber noch auf den Anruf, in dem der Lieferort und andere Details geklärt werden. Niemand geht ans Telefon, als ich versuche anzurufen. Mir bleiben noch zwei Zucchini, zwei Paprika und eine Tomate. Das Ende naht!

11:20 Uhr: Die Mitarbeiterin des Bauernhofs ruft an. Die Kiste kommt schon diesen Freitag! Ich bin so froh, ich würde ja ein Fest feiern, aber es darf ja keiner kommen. Und das Beste: Im Online-Shop gibt es von Obst über Gemüse bis zu Bier, Mehl, Schokolade, Kaffee, Milch, alles, was man brauchen kann. „Außer Klopapier“, sagt die Frau und lacht. Aber wer weiß, vielleicht nehmen sie das auch bald ins Sortiment auf.

12 Uhr: High Noon! Wir begegnen auf der Straße einem Nachbarsjungen. Die Erstgeborene ist verunsichert. Vorsichtig trippelt sie zu ihm hin. Ich ziehe sie weg. Sie protestiert nicht mal. Klarer Fall: Sie ist infiziert mit dem Ausnahmezustand-Virus. Der Vater und ich versuchen uns unbeschwert zu unterhalten. Wenigstens müssen wir nicht lange nach einem Thema suchen. Ich gebe euch einen Tipp: Es fängt mit C an und hört mit orona auf…

15:30 Uhr: Ich muss mit dem Baby zur Hüftsonographie (Standarduntersuchung nach der Geburt). Die Parkuhr betätige ich mit meinem schützenden Ärmel vorm Finger, die Türklinke zur Praxis mache ich ebenfalls mit dem Ärmel über der Hand auf. Ich frage mich, ob ich aus dieser ganzen Sache normal herauskommen werde. Während ich das hier schreibe, kommt meine Erstgeborene und bittet mich, die Schleppe an ihr Elsa-Kleid zu kletten. Ich zucke mit den Schultern. Was ist schon normal?

18 Uhr: Bei uns Hamsterkäufern gibt es Abendessen! Nudeln – was sonst?

Natürlich Nudeln: Was es an Tag 2 des Corona Ausnahmezustands bei uns gibt.

Willkommen bei Familie Hamster: An Tag 2 gibt es Nudeln!

Tag 1, 16. März 2020

Puh, jetzt habt ihr ewig nichts mehr von mir gehört. Höchste Zeit, das zu ändern! Seit heute befinde ich mich im Ausnahmezustand – mit euch allen zusammen. Die Kindergärten und Schulen schließen hier bei uns in Baden-Württemberg bis zum 19.4. Also fünf Wochen lang! Offiziell geht das erst morgen los, ich habe meine Dreijährige aber schon heute zu Hause behalten. Das Corona Virus verbreitet sich ja schließlich nicht erst ab morgen. 

Ich muss zugeben, bis vor ein paar Tagen hätte ich mir kaum vorstellen können, dass es tatsächlich soweit kommen würde. Vor zwei, drei Wochen noch habe ich die Hamsterkäufer belächelt. Letzte Woche habe ich dann selbst Windeln (würde ich doch bloß Stoffwindeln benutzen…) und Klopapier (wäre ich doch nur so richtig zero waste) im Einkaufswagen gestapelt, gemeinsam mit Nudeln (was sonst!), sauren Gurken und anderen Konserven, die hoffentlich nicht für immer im Keller vor sich hin vegetieren müssen (naja, bisher ist alles noch im Kofferraum, weil niemand Lust hat, diese Mengen auszuladen).

Pssst, wollen wir uns mal treffen???

Mein Mann und ich haben beschlossen, in den kommenden fünf Wochen niemanden zu treffen, Spielplätze zu meiden, eben all das zu tun und zu lassen, was dafür sorgt, dass sich das Virus nicht weiter verbreiten kann. Das ist nicht einfach. Denn die Versuchung lauert überall. Ich konnte selbst kaum glauben, wie viele nette Menschen sich in den vergangenen Tagen bei uns gemeldet haben, die sich mal wieder mit uns treffen wollen. Denn: „Wir sind doch gesund!“ Oder: „Ein gesundes Mittelmaß an Kontakten ist doch das beste!“ – Ja, is klar! Ein „gesundes“ Mittelmaß, damit noch mehr Menschen krank werden?

Andere sind ernsthaft der Meinung, die „Panikmache“ sei politisch gewollt. Ich habe ja schon jetzt keine Lust, mir den Quatsch anzuhören. Noch viel weniger Lust habe ich aber, mir dann demnächst anhören zu müssen, dass die Politik ja nie was tue – wenn das Gesundheitssystem kollabiert, weil zu wenig Menschen die Sache ernst genommen haben und nicht bereit waren, ihren Teil beizutragen. 

Wieder andere sagen: Aber in fünf Wochen ist es ja mit Corona auch nicht vorbei. Wieso soll ich mich also jetzt zu sehr einschränken? Ja, das ist richtig, in fünf Wochen ist das Virus nicht verschwunden. Aber es geht jetzt eben darum, die Verbreitung zu verlangsamen, damit sich nicht alle auf einmal anstecken. Denn dann gibt es nicht genügend Kapazitäten, die schwer Erkrankten zu versorgen. Ich finde, dieses Video erklärt die Sache sehr gut. Schaut euch das mal an:

 

So viele bestätigte Infektionen gibt es bisher

Um euch ein Gefühl für die rasante Vermehrung der Infektionsfälle zu geben, hier mal ein paar Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Die bestätigten Infektionen der vergangenen Woche in Deutschland:

9.3.: 1139

10.3.: 1296

11.3.: 1567

12.3.: 2369

13.3.: 3062

14.3.: 3795

am heutigen 16.3. um 20:56 Uhr lese ich auf der Homepage des Robert-Koch-Instituts von derzeit 6012 bestätigten Fällen. 

Wir sind dann mal weg

Meine Familie und ich meiden ab jetzt fünf Wochen lang Kontakte. Damit die Kurve in der nächsten Zeit nicht so stark ansteigt. Es geht dabei nicht um uns. Wir gehören nicht zur Risikogruppe. Es geht um meine und eure Eltern, meine und eure Oma, es geht um Menschen, die wir alle kennen. Wir können sie schützen, indem wir dafür sorgen, dass sich das Virus nicht so rasend schnell verbreitet, wie es das derzeit tut. 

Ihr glaubt, es sei utopisch, die sozialen Kontakte mit kleinen Kindern für solch eine lange Zeit zu pausieren? Ich habe mich entschlossen, an dieser Stelle ein Tagebuch über unseren Corona Ausnahmezustand zu veröffentlichen.

Ich hoffe, ihr lasst euch von mir inspirieren, lernt aus meinen Fehlern und habt ordentlich viel Mitleid mit uns: Vier Personen in einer Dreizimmerwohnung: Mama Eva mit gerade mal acht Wochen altem Baby, dazu die dreieinhalbjährige Erstgeborene und der Ehemann, der wohl die nächsten Monate aus dem Homeoffice heraus arbeiten wird. Beruhigungsschnaps liegt leider nicht drin: Ich stille ja!

Und so war Tag 1:

Aufstehen um 7:40 Uhr. Der Ehemann will schließlich ab 8 Uhr im Schlafzimmer arbeiten. Wir haben da ein Laufband stehen. Er hat sich ein Regalbrett mit Monitor an die Wand gebaut, einen Regalbrett-Schreibtisch, der auf dem Laufband aufliegt – und programmiert so quasi am laufenden Band. Heute ist er wohl sieben Kilometer gelaufen. Und was habe ich solange gemacht?

Zum Frühstück gab es, na klar, Smoothie Bowl! Wie lange mir das noch vergönnt sein wird? Schließlich will ich ja eher nicht mehr in den Supermarkt müssen in nächster Zeit! Immerhin haben wir noch so 10 Kilo Äpfel, 2 Kilo Birnen, eineinhalb Kilo Orangen, zwei Mangos, eine Zitrone und zwei jämmerlich aussehende Bananen. Kann man Apfelmus auch als Smoothie bezeichnen? Mal sehen, was in der Not noch passieren wird!

Nach dem Frühstück habe ich einen kleinen Spielemarathon mit meiner Erstgeborenen begonnen: Einhorn Glitzerglück (ja, echt!) und Uno junior. Immer und immer wieder. Danach haben wir gemalt. Ich habe ein Schloss mit einem Einhorn auf der Koppel gemalt (klar bin ich stolz drauf).

Alles außer Spielplatz

Dann raus auf die ruhige Straße vor unserer Wohnung, in der die Nachbarskinder für gewöhnlich immer zusammen spielen. Heute mit vielen Tränen, weil ich ein Spielplatz-Verbot ausgesprochen habe. Es zerreißt mir ja selbst das Herz. Aber welchen Sinn haben Kindergarten-Schließungen, wenn die kleinen Bazillenschleudern den ganzen Tag ihre Rotze auf dem Spielplatz miteinander austauschen?

Also wieder rein – um 12 Uhr: Durch das Hin- und Hergelatsche auf der Straße ist das Baby eingeschlafen. Der Mann hat die Erstgeborene für die Mittagspause übernommen, während ich mich bis um 13.30 Uhr hinlegen durfte. 

Nach der Mittagspause: Ab auf den Waldweg bei uns um die Ecke. („Ich will aber auf den Spielplatz!“) Meine Tochter hat dann glücklicherweise ungefähr zehn gr0ßartige Stöcke gefunden, die unbedingt in den Kinderwagen mussten. Wir haben Schmetterlinge gesehen, erkundet, wie viele verschiedene Blumen wir entdecken und welche Grüntöne die Blätter haben. Quasi aus Versehen haben wir bei bei unserem kleinen Ausflug die Landesgrenze zur Schweiz übertreten. Sorry, Herr Spahn! Wir sind aber nach ein paar Metern wieder umgedreht.

Dann kam uns eine Frau mit zwei Hunden entgegen. Meine Tochter: „Darf ich ihn mal streicheln?“ Sie durfte. Ich habe mir erst nichts dabei gedacht und mich dann gefragt, ob ich aufgrund dieser Interaktion jetzt sofort ihre Hände abhacken muss. Ich habe es dann beim Händewaschen belassen und gelobe ab morgen Besserung. Selig sind wir schließlich wieder nach Hause gegangen. 

Das ganze Mehl muss weg

Dort angekommen: Abendessen vorbereiten. Währenddessen will die Erstgeborene eine Dattel. Aber sie hatte heute schon zwei. Und was, wenn sich die Vorräte bald dem Ende neigen? Wie viel habe ich wovon? Lieber rationalisieren. Also Nein!

Dann: Kindergeschrei, dazu Babygeschrei, dazu die Küchenmaschine, die das Gemüse häckselt. Und in mir drin die bohrende Frage: Hätte ich überhaupt so viel Zucchini nehmen dürfen? Haben wir nicht ohnehin zu wenig Gemüse? Egal: Ab damit auf den Pizzateig. Natürlich gibts an Tag 1 des Corona Ausnahmezustands Pizza! Denn – alle Hamsterkäufer werden mich verstehen: #wassollmanmitdemganzenmehldenneigentlichmachen

Und damit Gute Nacht, ihr Lieben! Der Tag war weitaus entspannter als gedacht. Ehrlich gesagt habe ich mir selten so wenig Zeit und Muße für den Moment genommen. Morgen gehts weiter 🙂

Beitragsbild: Ausschnitt aus dem Titelblatt des „Sonntag“ vom 15.3.2020

Evas Corona Protokoll
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