Ernährung

Mein vergammeltes Essen – für den guten Zweck

Ein brauner Fleck: Hier lag einmal vergammeltes Essen.

Letztens habe ich mal wieder Küchenregale abgewischt. Auch die ganz oben, auf denen ich den Staub mit meinen 1,60 Metern gar nicht sehen kann und will. Ich bin also auf einen Stuhl gestiegen, obwohl das meinen Angetrauten immer fuchsteufelswild macht.

„Fall nicht runter!“, sagt er dann. „Ja, ja“, sag ich dann. Nun gut. Ich also rauf auf den Stuhl, hoch mit dem rechten Bein, dann ein bisschen in der Luft schlingern, mit beiden Armen rudern, das Gleichgewicht bettelnd und flehend zurückbekommen und trotzdem ein bisschen elegant den linken Fuß neben den rechten positionieren.

Der Fleck der Schande

„Nichts passiert“, rufe ich und zücke den Wischlappen. Und da sehe ich ihn: den Fleck. DEN Fleck. Den FLECK. DEN FLECK. Eine braune Lache hat sich ins Holz gebrannt. Sie scheint ein Gesicht aus ihren Konturen zu formieren, grinst mich an und flüstert dämonisch: „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!“ Fast stürze ich den Stuhl herunter. Aber nur fast. Ich bin ja nicht blöd. Ich kann doch wohl einen Stuhl als Leiter benutzen. Wie schwer kann es sein?

Angewidert tupfe ich mit dem Lappen über die braune Stelle des Regalbretts und hüpfe elegant vom Stuhl wie ein Rehkitz, das über den Waldboden springt. Ich würde mir ja gerne einreden, dass ich dabei total liebenswert aussehe, aber ich glaube, ich bin gerade in eine zerstörerische Lache Selbstmitleid gestolpert.

Ich muss euch beichten, woher der Schandfleck in meinem Küchenregal kommt. Es war einmal im Sommer – daher auch der fiese Spruch des Fleckengesichts – da schlenderte ich total lässig durch meine Küche. Ich mixte mir einen grünen Smoothie, später goss ich mir einen super gesunden Grüntee ein, dann kochte ich irgendein Superfood. Quinoa wahrscheinlich, vielleicht auch Amaranth. Und jedes Mal blickte ich erstaunt auf, weil unfassbar viele Fliegen um mich herum schwirrten. Ich dachte mir nichts dabei. Ich bin wohl doch ein bisschen blöd.

Vergammeltes Essen allerorten

Und dann, eines verhängnisvollen Tages, stapfte ich sicheren Schrittes zu meinem hohen Küchenregal und wollte die Tüte Kartoffeln zu mir herunter ziehen, um mal wieder ein ultra gesundes basisches Essen zu kochen. Fiel mir dabei eine der Maden entgegen? Ich habe es verdrängt. Ich erinnere mich auf jeden Fall an eine stinkende Flüssigkeit, die sich um die gammelnden Kartoffeln gesammelt hatte und das Ungeziefer, das sich darin badete. Uwah! Es schüttelt mich!

Wie gelähmt stand ich vor der Schreckensszene, wusste nicht, ob ich weinen sollte, weil ein Haufen Ekelviehzeugs in meiner Küche heimisch geworden war – oder weil ich eine angebrochene Tüte Kartoffeln wegwerfen musste. Foodwaste, Leute! Aaaargh! Ich fühlte mich wie in Teufels Küche. Wo sonst ist eine derartige Verschwendung von Lebensmitteln möglich?

Und jetzt wo ich von diesem schrecklichen Tag im Leben einer Möchtegern-Gutemenschin berichte, fallen mir noch andere, ähnliche Fehlpässe meinerseits ein.

Expertin in Gammelfood

Ich erinnere mich an die riesige Larve, die sich von meinem Obstkorb abgeseilt hat. Ich sprang vor lauter Panik auf und verzog das Gesicht wie die Person in Edvard Munchs „Der Schrei“. Da hing eine ein oder zwei Zentimeter große Larve in der Luft, naja, an einem seidenen Faden. Ich sah schon wieder die Motteninvasion vor mir, die ich einige Monate zuvor gehabt hatte. Aber da wurde mir klar, dass dieses Prachtexemplar zu groß für eine Mottenlarve war. Ich bin Expertin, müsst ihr wissen.

Meine wissenschaftlichen Betrachtungen brachten zutage, dass das Biest aus einem Apfel gekrochen kam. Und auch wenn man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen darf: Wenig später wunderte ich mich über einen braunen, klebrigen und zähen Fleck unter meinem von der Decke hängenden Obstkorb. Ich inspizierte das dreigeschossige Korbsystem und wühlte in einem Gemisch aus runzliger roter Beete, schwarz bepickelten Bananen und austreibenden Zwiebeln, bis ich meinen Zeigefinger schließlich in einer feuchtwarmen zähen Brühe wiederfand.

Die Konsistenz schien zu dem Fleck auf dem Boden zu passen. Ich wagte einen vorsichtigen Blick in Richtung des kontaminierten Zeigefingers und bemerkte endlich, wo die Birne war, die ich seit ungefähr einem Monat halb motiviert gesucht hatte. Sie hatte sich verwandelt. Und zwar fast so widerlich wie in Kafkas „Die Verwandlung“, wo sich ein Mensch in einen Käfer verwandelt.

Warum ich euch das alles sage? Eine grinsende Fratze in einem Ekelfleck hat mich überrumpelt. Mit den erpresserischen Worten: „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!“ Beichten ist das einzig Vernünftige, was man in so einer Situation tun kann.

Ich werde den bald anstehenden Winter nutzen, um über mein Verhalten nachzudenken. Ehrlich. Vielleicht fange ich sogar genau jetzt schon damit an. Gibt es möglicherweise doch etwas Positives in dem Horror?

Mein Paradies für kleine Tierchen

Gibt es. Gibt es nämlich immer. Zunächst mal formuliere ich die vorsichtige Frage: Ist es noch Foodwaste, wenn ich Insekten ein Paradies schenke? Ist es nicht geradezu die Bestimmung einer Kartoffel und eines Apfels, von Tierchen gemampft zu werden, die unsereins als widerlich empfindet? Und ist es nicht umgekehrt auch die Bestimmung der Insekten, sich in den Ekelpfützen zu suhlen, die Birnen und Kartoffeln beim Vergammeln produzieren? Habe ich nicht einfach zusammengebracht, was zusammengehört? Ich bin eine Kupplerin! Geradezu eine Liebesbotschafterin, glaubt mir!

Und dann wäre da noch eine andere Möglichkeit: Nur durch ein bisschen warten habe ich das perfekte Menü in meinem Küchenregal hergestellt. Kartoffel an brauner Soße mit Eiweißbeilage. Jamjam! Und zum Nachtisch: Gebackene Larve im Apfelmantel. Alles Öko, alles natürlich – und wenn es Massentierhaltung gab, haben sich die Tiere aus freien Stücken dafür entschieden.

Ich teile übrigens gerne.

Mein vergammeltes Essen – für den guten Zweck
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