Umwelt

Unverschämte Fragen an eine Fernreisende

Der CO2 Ausstoss durch Flugreisen von Touristen ist enorm.

Meine Kusine Claudia ist in Kanada aufgewachsen. Dieses Jahr hat sie sich in eines dieser umweltzerstörenden Flugzeuge gesetzt, um ein knappes Jahr in Deutschland zu verbringen. Aber darf sie das überhaupt? Ihren COAbdruck für ihr Privatvergnügen immens vergrößern?

Ich habe ihr ein paar unverschämte Fragen gestellt! Ich wollte wissen, ob sie sich nicht schämt, ob sie wenigstens weniger furzt, um ihren COAusstoß zu verringern – und nebenbei wollte ich wissen, weshalb sie hier in Deutschland ein Praktikum in einer Einrichtung für Flüchtlinge macht.

Kann Deutschland von ihr als Kanadierin in Sachen Einwanderung etwa lernen? Immerhin sagen ständig irgendwelche Politiker, wir bräuchten ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild.

Also los, rechtfertige dich, Claudia! Warum bist du hier?

Claudia, du hast dieses Jahr 6855 Kilometer mit dem Flugzeug zurückgelegt, um von deinem Wohnort Winnipeg in Kanada bis nach Frankfurt am Main, Deutschland, zu reisen. Schämst du dich eigentlich nicht?

Ja, es stimmt. Du hast Recht. Ich bin eine ganz schreckliche Person. Ich werde mich mein Leben lang schämen, und den ganzen Tag nur im Bett liegen und mich ohne Ende schämen und keinem irgendwas Gutes tun, und überhaupt nichts tun – und dabei kein CO2ausstoßen. Bist du zufrieden?

Ziemlich!

Aber ernsthaft. Ich finde, dass wir im Gespräch um Klimawandel und Klimaschutz viel zu schnell bei Schuld und einem schlechten Gewissen ankommen. In meiner Vorstellung sollte es einen frohen und guten Grund geben, die Welt besser zu behandeln. Es wäre super, wenn es eine andere Motivation gäbe, statt Schuldgefühle zu schüren. Und, ich glaube diese Motivation gibt es. Ich glaube auch, dass man systematisch der generellen Gesellschaft einen Schub geben könnte, um diesen Prozess freudiger und effektiver machen zu können.

Wie hoch ist der COAusstoß, den du durch deine Flugreise verursacht hast eigentlich? Und ich muss noch einmal fragen: Schämst du dich wirklich nicht? Hast du den CO2Ausstoß irgendwie kompensiert? Und was hältst du von CO2Kompensationen von Flugreisen?

Ich habe laut co2.myclimate.org, ein CORechner, etwa 1,5 Tonnen durch diesen Flug ausgestoßen. Nee, ich schäme mich nicht. Ich kenne ganz viele Leute, die zu unnötigeren Zwecken öfter fliegen und ich wäre begeistert, wenn sie Alternativen suchen würden.

„Der COAusstoß sollte sich lohnen.“

Du hast also die Flugreise als nötig empfunden?

Ich möchte sagen, dass ich sehr bewusst diese Entscheidung getroffen habe, nach Deutschland zu kommen. Mein Cousin hat im Juni geheiratet und meine Eltern haben hier in Deutschland ihren 30. Hochzeitstag gefeiert. Es war klar, dass ich mitkommen wollte und ich habe die Entscheidung länger zu bleiben zum größten Teil getroffen, weil der COAusstoß sich lohnen sollte. Ich wollte schon immer längere Zeit in Deutschland verbringen, weil ich deutsche Staatsbürgerin bin. Und ich habe dann entschieden, in diesem Jahr alles auf einen Schlag zu kombinieren.

Klingt logisch. Aber was hältst du denn nun von COKompensationen?

Kompensation ist ein interessantes Thema, weil sie einer Einstellung entspricht, die in Schuld gegründet ist: „Ich habe was Schlechtes getan, jetzt muss ich das wieder gut machen.“ Ich versuche generell so umweltfreundlich wie möglich zu leben und natürlich gibt es immer noch mehr, was man machen kann. Aber man muss ausgeglichen daran gehen. Jede Entscheidung, die man trifft, muss mit der Frage, „Wie beeinflusst diese Entscheidung die Umwelt?“ anfangen. Wenn man sie dann trotzdem trifft, braucht man keine Kompensation.

„Ich habe meinen Bohnenkonsum deutlich reduziert.“

Das heißt, du nimmst das extra CO2einfach auf dich?

Unabhängig von diesem Flug und dem CO2Ausstoß, bin ich den ganzen Sommer jeden Tag die sechseinhalb Kilometer zur Arbeit hin und zurück mit dem Fahrrad gefahren. Ich esse wenig Fleisch und informiere mich, wo und wie meine Lebensmittel angepflanzt werden und ob sie der Jahreszeit entsprechen. Ich mache das, weil ich es will, und weil ich die Erde liebe. Nicht aber, weil ich mich schuldig fühle.

Dennoch: Wirst du wenigstens aufhören zu furzen, um deine CO2 Bilanz wieder auszugleichen?

Ich habe meinen Bohnenkonsum gerade deswegen deutlich reduziert.

Glaubst du, du darfst diese Reise mehr als jeder andere unternehmen, weil du deutsch-kanadische Doppelbürgerin bist?

Ich trage meiner Meinung nach eine Verantwortung als deutsche Staatsbürgerin, die Sprache zu beherrschen und zu wissen, was in Deutschland so vor sich geht. Diese Verantwortung wird unstrittig am besten in Deutschland erreicht.

„Ich finde, man sollte es sich sehr gut überlegen, wenn man fliegt. Aus welchem Grund fliegt man? Kann man sich verantwortungsbewusst dazu entscheiden?“

Was ist eigentlich wichtiger? Niemals verreisen, um den CO2Ausstoß niedrig zu halten, oder oft verreisen, um weltoffener zu werden?

Es gibt wie immer ein Mittelmaß, Ausnahmen und individuelle Situationen. Was mir schon in den ersten vier Monaten klar geworden ist: Ich lerne sehr viel durch diese Reise. Ich mache Erfahrungen, die unglaublich prägend sind und positiv zu meiner persönlichen Entwicklung beitragen. Das ist sehr wertvoll. Ich finde, man sollte es sich sehr gut überlegen, wenn man fliegt. Aus welchem Grund fliegt man? Kann man sich verantwortungsbewusst dazu entscheiden? Wenn man diese Entscheidung aber getroffen hat, sollte man sich nicht mehr schämen, und das Wunder des Fliegens genießen.

Du fängst hier in Deutschland bald ein Praktikum in einem Flüchtlingsheim an. Warum tust du das? Ist das etwa deine deutsche Verantwortung, weil du nun mal Besitzerin eines deutschen Passes in Kanada bist?

Eigentlich ist es kein Flüchtlingsheim. Es ist ein Treffpunkt für Flüchtlinge, in dem sie Deutschunterricht bekommen und wo ihnen auch sonst beim Einleben in die deutsche Kultur geholfen wird. Die Mennoniten Kirche von Kanada unterstützt dieses Programm in Deutschland finanziell und personell.

Aber warum willst du dabei sein?

Ich bin neugierig. Ich frage mich, ob das Thema des Jahrzehntes wirklich so beängstigend und kompliziert ist, wie es in den Medien erscheint. Ich mache in Kanada einen Intercultural Social Sciences Bachelor und brauche dazu ein Praktikum. Es interessiert mich sehr, was passiert, wenn verschiedene Kulturen und Weltanschauungen aufeinanderstoßen. Ich kann mir dazu kein besseres Praktikum vorstellen.

„Kanada kann wählerisch sein, weil es nicht, wie Europa, Flüchtlinge hat, die in Massen über die Grenze kommen.“

Viele deutsche Politiker stellen die kanadische Einwanderungspolitik als absolut grandios dar. Was meinst du? Ist das auch was für Deutschland?

Ich kenne mich mit der kanadischen Einwanderungspolitik ehrlich gesagt nicht so sehr gut aus. Ich glaube, man kann die beiden Situationen nicht vergleichen, weil sie einfach so anders sind. Meiner Meinung nach müsste Kanada mehr Einwanderer, besonders Flüchtlinge, aufnehmen. Kanada kann aber wählerisch sein, weil es nicht, wie Europa, Flüchtlinge hat, die in Massen über die Grenze kommen.

Auch wenn man die Situationen nicht gut vergleichen kann: Erzähl doch ein bisschen mehr!

Was ich in Kanada gut finde, ist die Private Patenschaft zwischen Kanadiern und Flüchtlingen. Es gibt häufig Kirchen oder andere selbst organisierte Gruppen, die sich für eine Familie einsetzen und sie für mindestens ein Jahr finanziell und auch sozial unterstützen. Gibt es so was in Deutschland?

Möglicherweise nicht in dem Umfang. Kannst du noch ein paar Einschätzungen zum Umgang der Deutschen mit Flüchtlingen geben?

Ich finde es kontra-produktiv, dass Flüchtlinge lange in Deutschland nicht arbeiten dürfen. So sind sie vom Staat abhängig, haben wahrscheinlich wenig Zweck in ihrem Leben und dadurch ein niedriges Selbstwertgefühl. Das sind so meine Einschätzungen.

Wovor flüchtest du eigentlich während deines Jahrs in Deutschland?

Ich flüchte vor den hohen Studiengebühren in Kanada, der einseitigen Weltanschauung und dem drohenden Lebens als Phlegmatikerin in der Gemütlichkeit meines Elternhauses.

Übrigens: Lest unbedingt mal Claudias Blog, auf dem sie über ihre Zeit hier in good old Germany berichtet!

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