Rezensionen

Was Daniel Defoe uns über die Angst vor Flüchtlingen zu sagen hat

Daniel Defoe und die Flüchtlinge - seit 300 Jahren aktuell.

So, liebe Leute, heute gibt es endlich mal wieder was Politisches von mir. Ich habe ein Buch gelesen. Und das will ich euch nicht vorenthalten. Es liest sich wirklich ruckzuck durch, ist gehaltvoll, aber doch kurz und bündig. Es ist quasi die perfekte Mischung aus schwerer Kost und leichten Häppchen.

Worum geht’s? Um Flüchtlinge. Stellt euch vor, England ächzt, weil massenweise Flüchtlinge gekommen sind. Sie sind auf die Insel geflohen, weil sie in ihrer Heimat aufgrund ihrer Religion verfolgt wurden, weil in ihrem Land schon zu lange Krieg herrschte – und weil sie zu Hause keine Arbeit mehr fanden. Wir haben es also mit einer Mischung aus Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen zu tun. Davon lese ich jeden Tag in der Zeitung. Warum dann noch ein Buch drüber lesen?

Daniel Defoe und die Flüchtlinge aus Deutschland

Weil es sich bei den Flüchtlingen, die nach England kamen, nicht um Syrer, Eritreer oder Iraker handelt, sondern um Deutsche. Um Deutsche? Genauer gesagt um Pfälzer. Bevor ihr jetzt Panik vor einem Krieg in der Pfalz bekommt, den ihr möglicherweise verpasst habt, weil ihr zu viele Katzenvideos bei Youtube angeschaut habt – Entwarnung! Der Krieg fand vor 300 Jahren statt, geschrieben wurde die „Kurze Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge“ im Jahr 1709 von Daniel Defoe. Genau. Der Autor von Robinson Crusoe. Ins Deutsche übersetzt wurde das Büchlein erst in diesem Jahr.

In seiner Streitschrift plädierte Daniel Defoe dafür, die armen Pfälzer aufzunehmen. Über 10 000 sollen es gewesen sein. Unvorstellbar viele mittellose Menschen für das damalige England. Und warum soll dieses Kapitel deutsch-englischer Geschichte mich heute interessieren? Einfach weil es so verblüffend ist, wie sehr sich die Argumente von Gegnern und Befürwortern der Aufnahme von Flüchtlingen damals wie heute ähneln. Daniel Defoe greift in der Kurzen Geschichte der Pfälzischen Flüchtlinge die Argumente der Gegner auf und versucht sie davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, deutsche Flüchtlinge aufzunehmen.

Hier ein kurzer Ausschnitt, nur 3 Beispiele aus dem Buch.

Argument der Gegner: Die Aufnahme so vieler armer Menschen aus dem Ausland wird die Armut in der eigenen Bevölkerung erhöhen und zwar weil die Ausländer den Einheimischen Arbeit wegnehmen werden und die Löhne drücken werden.

Daniel Defoes Gegenargument: „Da Sie anzudeuten belieben, Sir, dass diese Pfälzer in Grossbritannien nicht ohne Nachteile für unsere ärmeren Einheimischen beschäftigt werden können, müssen Sie notwendig annehmen, dass es in diesem Königreich nur eine bestimmte Menge Arbeit geben kann.

Defoe zählt auf, welche neuen Arbeitsfelder durch die Einwanderung entstehen könnten. Und er fragt: „Ist die Aufnahme von Ausländern jemals die Ursache von Lohnsenkungen gewesen?“ Nachdem er aufzählt, wie die französischen Hugenotten zu Englands Reichtum beigetragen haben, rechnet er vor, welche positiven finanziellen Auswirkungen die Integration der Pfälzer haben würde: „Zu folgern ist, dass 10 000 Pfälzer, die in Grossbritannien sinnvoll beschäftigt sind, ein Zuwachs von mindestens 80 000 Pfund per annum zum Reichtum dieses Königreichs sind, ohne Nachteile oder Lohnsenkungen für die einheimischen Armen.“ Wohlgemerkt: Bei seiner Rechnung vergisst er nicht, dass der Staat zuerst Geld für die Integration der Menschen ausgeben muss.

Argument der Gegner: Das Boot ist voll!

Daniel Defoes Gegenargument: „In Wahrheit ist unser England nicht zur Hälfte peupliert, Irland gar nur zu einem Viertel, Schottland noch weniger und unsere Kolonien sind fast schon Wüste; und doch sind einige Knicker zu schwach und dumm, dass sie nicht die großen und kostbaren Segnungen begreifen, das allgemeine Asyl oder die Freistatt für bedrängte fleißige Protestanten zu sein.“

Argument der Gegner: Die sind doch nur gekommen, weil sie uns ausnutzen wollen.

Daniel Defoes Gegenargument: „Doch wenn diese armen Menschen ihr Land nicht wegen Religionsbedrückung verlassen haben, dann stellt diese Erklärung uns anheim zu glauben, dass sie es verlassen haben, weil von anderen Lasten bedrückt. Denn das Letzte, was Menschen täten, wäre, ihre geliebte Heimatscholle zu verlassen; und (zu dieser Zeit der Welt) werden dies vermutlich nicht viele Familien leichtfertig tun.“

#IamDanielDefoe

Tja. Und was ist dann passiert? Die Engländer haben sich dafür entschieden, die meisten der flüchtenden Pfälzer abzuweisen oder völlig mittellos in Kolonien und in unbesiedelte irische Gebiete zu schicken. Viele sind dabei gestorben. Und die Nachfahren der armen Pfälzer, die doch aufgenommen wurden? Sind heute vom Rest der englischen Bevölkerung quasi nicht mehr zu unterscheiden.

Mir bleibt nur die große Verwunderung, dass sich in 300 Jahren an den Argumenten in der Flüchtlingsdebatte kaum etwas verändert hat. Zum Schluss sag ich nur: #IamDanielDefoe

Und für alle, die noch Argumente gegen Vorurteile verschiedenster Art suchen, habe ich diesen Buchtipp parat.

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