Politik

Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch will, was ich will: Solidarität

Marcus Wiebusch vertritt eine politische Richtung, mit der ich mich identifizieren kann.

Ein Thema, das mich in letzter Zeit beschäftigt, ist der sogenannte Meinungsmainstream linker Medien, wahlweise auch linker Meinungsmainstream oder sogar linke Meinungsdiktatur genannt. Ihr wisst ja, Eva meint’s gut. Da steckt Meinung drin, da steckt gut drin – und da steckt auch eher eine linke Ausrichtung drin, wie ihr in meiner Rubrik „Politik“ und auch in den „Rezensionen“ seht.

Nun ja, ich mache mir also hier und da meine Gedanken über links und rechts und was es nicht alles zu etikettieren gibt – und da schalte ich auf einmal mitten in ein Interview im Schweizer Radio SRF 3. Es spricht ein gewisser Marcus Wiebusch. Hä? Den kennste doch, denke ich. Boah ja! Kettcar! Hab ich rauf und runter gehört während des Studiums. Eine meiner Lieblingsbands. Ich fand es einfach großartig, was Frontsänger Marcus Wiebusch da im Radiointerview zum Besten gegeben hat. Er war im Radio, weil Kettcar ein neues Album haben: Ich vs. Wir. Das klingt politisch, das ist politisch.

Marcus Wiebusch für mehr Solidarität

Marcus Wiebusch positioniert sich auf seinem Album eindeutig – und mindestens genau so klar im Interview – für mehr Solidarität und gegen eine egozentrische Sicht aufs Leben und die Politik. Der Sänger tut das auch deshalb, weil er Kinder hat. Weil er ihnen Empathiefähigkeit und Werte mit auf den Weg geben will. Weil er ihnen vorleben will, dass man Schwächeren helfen sollte.

Der Mensch spricht aus, was ich seit langem denke. Als ich während des Wahlkampfs ein Plakat von Frauke Petry mit Baby auf dem Arm gesehen habe, ist mir ganz schlecht geworden. Fremdenfeindlichkeit, Hass, ein „Du bist besser, weil du zufällig Kind einer deutschen Mutter bist“ – so etwas will ich meiner Tochter nicht mit auf den Weg geben.

Das Problem ist, wenn ich einstehe für Solidarität mit Flüchtlingen, für Mitmenschlichkeit, für die Übernahme von Verantwortung, dann fallen oft Worte wie „linker Meinungsmainstream“ oder eben „linke Meinungsdiktatur“.

Linker Meinungsmainstream – ein Schimpfwort?

Gleich zu Beginn: Natürlich denke ich, dass wir einen Plan brauchen, wie wir flüchtenden Menschen helfen können, damit sie schnell Fuß fassen können. Aber es ist für mich keine Option, einfach zu sagen, wir schaffen das nicht. Meine Empathiefähigkeit reicht nämlich so weit, dass ich mir Gedanken darüber mache, was mit diesen Menschen passiert, wenn sie abgewiesen werden.

Ich weiß, das Ganze ist ein Riesenthema, ich kann das hier nur anreißen. Deshalb beschränke ich mich auf ein paar Gedanken zum „linken Meinungsmainstream“.

Eine der Diskussionen, die ich zu diesem Thema hatte, endete in der Aussage meines Gegenübers: „Man wird jawohl noch Unterschiede zwischen den Menschen machen dürfen.“ Was soll ich dazu sagen – außer natürlich ein entschiedenes Nein! Der Mensch, der diesen Satz gesagt hat, ist übrigens kein Unmensch.

Aber er hat Angst. Ich weiß nicht genau wovor. Ich kann es mir nur zusammenreimen. Davor, dass „zu viele“ Flüchtlinge kommen könnten. Dass unser aller Wohlstand flöten gehen könnte. Und so weiter. Wenn ich beginne, von Verantwortung und Hilfe für Notleidende zu sprechen, fallen die bereits genannten Stichworte wie „linker Meinungsmainstream“.

Ich habe ihm die Lektüre von Daniel Defoes Plädoyer für die Aufnahme von deutschen Flüchtlingen in England Anfang des 18. Jahrhunderts empfohlen. Da wurde dieselbe Diskussion nämlich schon mal geführt. Meine Rezension zu dem Buch lest ihr hier. Was Defoe damals schrieb, ließe sich heute problemlos gehässig als linke Meinungsdiktatur bezeichnen.

Hups, schon voll bei uns

Wenn ich mir aber überlege, weshalb die Menschen zu uns flüchten, kann ich zu keinem anderen Ergebnis kommen als dass Hilfe unbedingt nötig ist. Zum einen halte ich es generell für ein Gebot der Menschlichkeit, jenen zu helfen, die an Leib und Leben bedroht sind. Die ihr Zuhause wegen eines Kriegs verloren haben, die vor dem drohenden Tod flüchten. Da zu sagen, hups, ist schon voll bei uns, halte ich einfach nur für zynisch – ein Wort, das auch Marcus Wiebusch im SRF-Interview gebraucht.

Zum anderen aber bin ich auch der Meinung, dass wir Europäer zumindest einen Teil der Verantwortung tragen müssen (der Großteil der Flüchtlinge kommt ja gar nicht zu uns), weil wir an den Zuständen in den Heimatländern der Flüchtlinge auf die eine Art oder andere Weise beteiligt sind.

Es ist kein Geheimnis, dass Afrika ein durch Kolonialismus ausgebeuteter Kontinent ist, in dem noch immer ohne Ende Menschenrechtsverletzungen begangen werden und auf dessen Rücken wir noch immer unseren Wohlstand vor uns her tragen.

Abgesehen davon, dass man natürlich Menschen helfen muss, die dort unter unmöglichen politischen Bedingungen leben müssen (Eritrea zum Beispiel), finde ich es auch mehr als verständlich, wenn sich sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ (was für ein zu unrecht abwertender Begriff) nach Europa aufmachen, einfach weil sie es satt haben, in ihren Herkunftsländern keine Chance auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu haben.

Europa und die Welt

Jetzt kann man sagen, man müsste doch vor Ort helfen, damit die Bedingungen besser werden. Aber ehrlich gesagt: Haben denn die Gewinner des globalen Wirtschaftswettbewerbs überhaupt irgendein Interesse daran, dass die Verlierer eine reale Chance haben? Eben!

Wenn man sich das Pulverfass Naher Osten einmal genauer anschaut und die geschichtlichen Hintergründe betrachtet, merkt man schnell, dass Europa auch mit Ländern wir Syrien, Iran, Saudi-Arabien eng verwoben ist – und wie europäische Großmächte an Grenzziehungen und Staatenbildungen im Nahen Osten beteiligt waren. Dass es auf lange Sicht für Konflikte sorgt, wenn Grenzen aufgrund äußerer Interessen gezogen werden, ist ja eigentlich logisch. Einen lesenswerten Essay zur Geschichte und Zukunft des Nahen Ostens hat übrigens Volker Perthes geschrieben.

Was ich damit sagen will: Wir haben eine Verantwortung, wir können Solidarität schon lange nicht mehr nur auf Menschen beziehen, die zufällig denselben Pass haben wie wir. Ich kann nicht anders als zu diesem Schluss zu kommen. Wenn das linker Meinungsmainstream ist, dann ist das halt so.

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Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch will, was ich will: Solidarität
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