Rezensionen

Shakespeare und die Flüchtlinge – Die Fremden damals und heute

In Die Fremden lesen wir eine Rede, geschrieben von William Shakespeare zum Thema Flüchtlinge.

Ich finde es absolut spannend, wenn ich realisiere, dass große gesellschaftliche Debatten recht ähnlich wie heute schon vor hunderten von Jahren geführt wurden. Einerseits bekommt man durch die Lektüre von Schriften aus vermeintlich längst vergangenen Zeiten neue Denkanstöße. Andererseits – das muss ich zugeben – kommt dabei aber auch die Frage auf, warum der Mensch sich in manchen Punkten einfach nicht weiterentwickelt.

Vor einiger Zeit habe ich euch erzählt, was Daniel Defoe (der Autor von Robinson Crusoe) über die Ankunft tausender deutscher Flüchtlinge in England vor rund 300 Jahren gesagt hat. Die Argumente für und gegen die Aufnahme von Flüchtlingen erinnern erstaunlich stark an die heutige Debatte. Nun habe ich mal wieder ein Schriftstück in die Finger bekommen, das hunderte von Jahren alt ist.

Shakespeare und die Fremden

Es stammt aus der Feder von niemand geringerem als William Shakespeare und wurde 2016 zum ersten Mal in deutscher Sprache herausgegeben. Erschienen ist es im dtv Verlag, der dem Schriftstück den Titel „Die Fremden. Für mehr Mitgefühl“ gegeben hat.

Das erstaunliche ist übrigens, dass es sich hierbei um die einzige handschriftliche Hinterlassenschaft handelt, die von dem großen Dichter bekannt ist. Aber zurück zum Inhalt. Anders als bei Defoe handelt es sich in diesem Fall nicht um eine persönliche Meinungsäußerung von William Shakespeare, sondern um einen Auszug aus einem Theaterstück über den Humanisten Thomas Morus.

Shakespeare lieferte nur die zentrale Rede des Thomas Morus an das aufgebrachte Volk, das gegen Flüchtlinge hetzte. Der Rest des Stücks stammt von verschiedenen anderen Personen. Aufgeführt wurde es übrigens nie und Berühmtheit hat es erst erlangt, als vor wenigen Jahren nachgewiesen werden konnte, dass die Rede des Thomas Morus von Shakespeare stammt.

Wirklich Shakespeares Gedanken?

William Shakespeare lässt die Hauptfigur Thomas Morus in dieser zentralen Szene das Volk beruhigen, das eine Hasstirade gegen Flüchtlinge gestartet hatte. Am Ende verfliegt der Zorn der Bevölkerung gegen die Flüchtlinge, die Menschen bereuen ihre Wut den Fremden gegenüber und geloben Besserung.

Der bekannte Kommentator der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, hat das Vorwort zu „Die Fremden“ geschrieben. Er schreibt, Shakespeare habe für Thomas Morus einen Appell an den Anstand und die Menschlichkeit seiner Zuhörer formuliert – und dass Thomas Morus diese Rede heute wohl fast genauso halten müsste wie damals. In Medienberichten über „Die Fremden“ ist mitunter sogar zu lesen, hier lese man Shakespeares Kommentar zur Flüchtlingskrise.

Doch was Heribert Prantl sagt ist ein wenig zurechtgebügelt – genau wie die Behauptung, man habe hier Shakespeares Meinung zu Flüchtlingen vor sich.

Im Nachwort macht der Übersetzer und Herausgeber Frank Günther zurecht darauf aufmerksam, dass es sich nicht um Shakespeares persönliche Worte handelt, sondern um eine Rede, die er einer Figur in einem Theaterstück in den Mund legt. Shakespeares Meinung muss nicht mit Thomas Morus Meinung übereinstimmen – genauso wenig wie mit Hamlets oder Romeos Meinung.

Was dachte Shakespeare über Flüchtlinge?

Wie Shakespeare zum Thema Flüchtlinge stand, wissen wir trotz dieser Rede nicht. Darin unterscheidet sich der Text von Daniel Defoes Schrift, die eben kein Teil eines literarischen Werks ist, sondern eine persönliche politische Stellungnahme.

Bei genauer Betrachtung von Thomas Morus Rede ist zudem erkennbar, dass der Fokus der Argumentation nicht auf dem Appell an die Menschlichkeit liegt. Klar, Thomas Morus will in dieser Szene das Volk besänftigen. Er will, dass die Unruhen gegenüber den Flüchtlingen ein Ende nehmen und die Fremden ihren Platz in der Gesellschaft behalten können.

Und er spricht Sätze aus, mit denen sich auch heutige Befürworter der Aufnahme von Flüchtlingen identifizieren können. So zum Beispiel: „Ob Frankreich oder Flandern, / Ob Deutschland, Spanien, Portugal, ach, in / Jedwedem Land, das nicht grad England ist: / Dort wärt ihr selbst die Fremden, Würd’s euch gefalln, / Wenn ihr dort auf ein Volk träft, so barbarisch, / Dass es wild ausbricht in Gewalt und Hass, / Euch keinen Platz gönnt auf der weiten Welt, / In eure Hälse tief die Messer taucht, / Euch tritt wie Hunde, so als hätt euch Gott / Nicht grad wie sie geschaffen, als wärn Erd / Und Himmel nicht auch euch zum Wohl gemacht, / Nein, nur für sie bestimmt? Was dächtet ihr, / Wenn man mit euch so umging? So geht’s den Fremden, / Und so berghoch ragt eure Inhumanität.“

Hierbei könnte man es natürlich belassen, könnte meinen, Shakespeare habe es uns doch schon um 1600 gesagt, vor 400 Jahren also ungefähr, dass wir menschlich sein sollen, Fremde aus Nächstenliebe annehmen und andere so behandeln sollten, wie wir selbst behandelt werden möchten.

Gott, König und Volk

Doch die hier zitierten Worte sind eigentlich nur ein Beiwerk des Argumentationsmusters, mit dem Thomas Morus das Volk überzeugen will, den Hass zu begraben. Vor allem aber appelliert Thomas Morus in der Szene an die Obrigkeitshörigkeit seines Publikums, an die gottgegebene Macht des königlichen Throns, daran, dass das Volk sich ruhig verhalten sollte, weil es nicht das Recht habe, gegen Entscheidungen zu rebellieren, die von oben vorgegeben wurden.

Zum Beispiel: „Denn Gott verlieh dem König doch sein Amt, / Sein Recht, sein Richtschwert, seine Macht und Herrschaft; / Ihn hieß Gott herrschen und hieß euch gehorchen.“ In seiner kurzen Rede wirft Thomas Morus den Zuhörern immer wieder vor, sie wollten den Frieden brechen, die Ordnung abwürgen, erreichen, dass Frechheit und Gewalt obsiegen. Ein Krieg des Volks gegen den König sei quasi ein Krieg gegen Gott.

Das bedeutet auf heute übertragen, dass wir Flüchtlinge vor allem deswegen willkommen heißen sollten, weil die Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt hat, „Wir schaffen das!“ So eine Argumentation ist in einer Demokratie im 21. Jahrhundert natürlich völlig abwegig. Jede Bürgerin, jeder Bürger ist dazu aufgerufen, seine eigene Meinung zu formulieren. Wir müssen der Obrigkeit nicht mehr hörig sein wie einem König oder einem Diktator. Demokratie bedeutet: Das Volk regiert. Es gibt keinen von Gott eingesetzten Herrscher in unserem Land, dem wir blind vertrauen müssen.

Deshalb bin ich nicht der Meinung, dass Thomas Morus seine Rede heute noch einmal so halten sollte wie damals, auch nicht „fast“, wie Heribert Prantl schreibt, denn die Passagen über das gottgegebene Königtum nehmen einen recht beträchtlichen Teil der Rede ein.

Manches gilt für jede Zeit

Aber natürlich: Die humanistische Argumentation, dieses „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, das muss meiner Meinung nach zu jeder Zeit wiederholt werden. Damit kann ich mich auch heute, 400 Jahre nach Erscheinen des Textes, identifizieren.

Genau wie ich mich übrigens mit Merkels „Wir schaffen das“ identifizieren kann. Es gibt dazu für mich keine Alternative. Denn es gibt Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, ihnen zu helfen. Dieses Gebot galt damals schon, als Könige noch Gottes Vertreter auf Erden waren, wie wir in Shakespeares Rede für Thomas Morus sehen.

Und dieses Gebot gilt heute noch. In verschiedenen Gesetzestexten betonen wir, alle Menschen seien gleich, die Würde des Menschen sei unantastbar und Flüchtlingen sei zu helfen. Menschenrechte gelten nicht deshalb, weil Angela Merkel sie einfordert. Sie werden auch nicht ungültig, nur weil ein Donald Trump Menschen auf der ganzen Welt verunglimpft. Sie gelten immer und überall, weil wir alle Menschen sind und ein jeder von uns es verdient hat, menschlich behandelt zu werden. Fordern wir sie also ein und handeln wir auch danach!

 

MerkenMerken

MerkenMerken

Shakespeare und die Flüchtlinge – Die Fremden damals und heute
Bewerte diesen Beitrag

You Might Also Like

No Comments

    Leave a Reply

    *